Gregor Hägele im Interview: Tourabschluss, echte Gefühle und ganz viel Liebe

Elf Städte, ein neues Album und monatelang Ausnahmezustand: Für den Sänger Gregor Hägele endet in Hamburg nicht nur seine "Tour, was du nicht lassen kannst“, sondern auch eine intensive Phase voller Herausforderungen, aber auch voller besonderer Momente. Im Gespräch mit hamburg-magazin.de blickt er auf die Entstehung seines Albums "Testphase Liebe" zurück, spricht offen über den Umgang mit Ängsten und seine besondere Verbindung zum Publikum.

Gregor Hägele steht auf der Bühne und singt
Gregor Hägele beim Konzert in Hamburg, © Redaktion hamburg-magazin.de
Die vergangenen vier Monate hat der Sänger Gregor Hägele "on Tour" verbracht. In insgesamt elf Städten ist er mit seiner "Tour, was du nicht lassen kannst" aufgetreten und hat die Clubs zum Beben gebracht.
Wir haben ihn vor seinem Tourabschluss-Konzert in Hamburg in der Großen Freiheit 36 getroffen und mit ihm über das Tourleben, sein neues Album "Testphase Liebe" und seine Conncetion zu seinen Fans gesprochen. Dabei erzählt der 26-jährige nicht nur, warum ihm nach dem letzten Konzert plötzlich "Zentner von den Schultern" fallen, sondern auch, wie er seine Magersucht überwunden hat.
Hamburg-magazin.de: Warum trägt die Tour den Titel "Tour, was du nicht lassen kannst"?
Gregor Hägele: Die Tour heißt "Tour, was du nicht lassen kannst", weil es schon eineinhalb Jahre her ist, dass wir auf der letzten Tour waren und es einfach mal wieder an der Zeit war. Wir wussten, dass es wieder darauf hinaus läuft und deswegen heißt es so. Einfach, weil es geil ist.
Hamburg-magazin.de: Was gibt es dir, live zu spielen, was du anderswo nicht finden kannst?
Gregor Hägele: Oh, live spielen gibt mir so ziemlich alles, was ich nirgendwo anders finden kann. Wir hatten gestern zum Beispiel eine Show in Bremen, die war unfassbar. Die Energie und die Liebe, die man da vom Publikum bekommt, das gibt's wirklich nirgends anders. Dazu kommt auch noch, dass ich es voll schön finde, Musik zu machen im Studio oder wo auch immer, aber bei Konzerten wird die Musik erst so richtig zum Leben erweckt und das liebe ich unendlich arg.

Hamburg-magazin.de: Hamburg ist der letzte Tourstopp, du hast schon eine ganze Tour hinter dir. Wie blickst du auf den heutigen Abend?

Gregor Hägele: Oh, also heute wirklich fallen mir wirklich Zentner von den Schultern. Wir hatten nicht nur die Tour, wir hatten parallel auch noch das Album "Testphase Liebe", das wir rausgebracht haben. Das ist das erste Album, das wir komplett alleine machen, ohne großes Major-Label mit einem ganz, ganz kleinen Team. Wir hatten zwischendrin mit der Insolvenz von einem Partnerunternehmen zu kämpfen – das war wirklich hart, ich stand gefühlt viermal kurz vorm Burnout.

Auf die Tour habe wir uns unendlich gefreut, aber es war auch der letzte große Kraftakt. Die letzten vier Monate hatte ich kaum ein Privatleben; wir haben wirklich von morgens bis abends durchgeackert. Heute gilt es, nur zu genießen und einfach dankbar zu sein, dass alles so toll geklappt hat und die Show zu feiern.

Hamburg-magazin.de: Das klingt ziemlich anstrengend.

Gregor Hägele: Es war wirklich die anstrengendste und herausforderndste Zeit meines Lebens. Ich hatte noch nie mit Panik zu tun, aber währenddessen war ich echt ein paar Mal kurz davor, das war schon krass. Jetzt im Rückblick war es aber auch eine total geile Zeit.

Hamburg-magazin.de: Was machst du in diesen Momenten, in denen du das Gefühl hast, "mir ist gerade alles zu viel"?

Gregor Hägele: Schlafen.

Hamburg-magazin.de: Schlaf bekommt man wahrscheinlich auf der Tour nicht so viel, oder?

Gregor Hägele: Nein, auf der Tour gibt es leider nicht so viel Schlaf. Deswegen hole ich vielleicht gleich nochmal ein kleines bisschen Schlaf nach, mal gucken.

Hamburg-magazin.de: Was sollen die Menschen mitnehmen, wenn sie nach einem Konzert von dir nach Hause gehen?

Gregor Hägele: Wenn Leute von einem Konzert von mir nach Hause gehen, wünsche ich mir am meisten, dass sie ein bisschen mehr Liebe haben als davor: Liebe in jeglicher Form – für sich selbst und für die Leute um sich herum. Ich hoffe, dass wir ein bisschen etwas von der Atmosphäre, die wir bei den Konzerten schaffen, in den Alltag übernehmen können – Und das gilt für mich genauso wie für alle anderen auf dem Konzert.

Hamburg-magazin.de: Dein neues Album heißt "Testphase Liebe". Was bedeutet Liebe für dich?

Gregor Hägele: Für mich ist Liebe viel mehr als nur romantische Liebe. Liebe ist irgendwie alles und auch in allem. Deswegen heißt es auch "Testphase Liebe". Es geht nicht nur um die Romantik, sondern um Liebe zu sich selbst, Liebe zu Freunden, Liebe zum Leben. Das zieht sich irgendwie alles durch bei mir.

Hamburg-magazin.de: Das erste Album hieß "Prototyp Liebe", das neue Album "Testphase Liebe". Welche Liebe kommt als nächstes?

Gregor Hägele: Das ist die Frage, tatsächlich. Es soll auf jeden Fall ein drittes Album in dieser Liebestrilogie geben. Aber wie das Album heißen wird, hängt auch davon ab, wie mein Leben sich entwickelt, das ist ja alles überwiegend autobiografisch. Das heißt, hoffentlich wird's "Endstation Liebe", "Geilste Liebe der Welt" oder etwas Ähnliches. Das müssen wir noch gucken.

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Hamburg-magazin.de: Du schreibst viele sehr persönliche Songs. Damit machst du dich aber auch sehr verletzlich. Fällt dir diese Offenheit schwer?

Gregor Hägele: Mittlerweile nicht mehr so arg, weil ich die tollste Community, die tollste Crowd und das tollste Publikum habe, das ich mir überhaupt vorstellen kann. Vor allem live sind die zerbrechlichen, verletzlichen Momente immer die magischsten, weil man Sachen anspricht, die vielleicht nicht so oft angesprochen werden und man sich öffnet. Das kostet auch ein bisschen Mut. Die Leute nehmen das so, so, so schön und dankbar an. Mittlerweile hat mich das total gepusht, auch aus meiner Komfortzone herauszukommen.

Hamburg-magazin.de: Mit "Ana" hast du 2024 einen Song über deine Essstörung geschrieben. Wie hast du den Mut gefunden, die Essstörung zu bekämpfen und darüber einen Song zu schreiben?

Gregor Hägele: Also ich war damals sehr klein, als ich die Essstörung hatte, ich war zehn oder elf. Das heißt, ich hatte eine gute Distanz dazu, wodurch ich dann auch den Song schreiben konnte. Und unser Weg war es, nicht direkt anzusprechen "ich hatte eine Essstörung", sondern das Ganze in "Ana" zu personifizieren. Das hat mir auch nochmal mehr Distanz dazu gegeben. Aber nichtsdestotrotz hatte ich total Angst, als der Song rauskam. Ich war währenddessen mit meinen beiden Geschwistern in Vietnam. Ich saß jeden Tag auf meinem Bett und dachte "Oh Gott, morgen kommt der raus, morgen kommt der raus." Das ist eine Sache, die ich nicht einmal meinen besten Freunden erzählt habe und dann teile ich sie auf einmal mit der ganzen Welt.

Aber auch da wieder genau dasselbe wie bei jedem Konzert. Die Leute haben das so toll angenommen. Ich bekomme auch jetzt noch wöchentlich Nachrichten von Menschen, die momentan in der Klinik sind und sagen, dass ihnen der Song in ihrer schwersten Zeit hilft. Genau dafür ist Musik da und dann zeigt sich, dass sich der Mut auch lohnt.

Hamburg-magazin.de: Was würdest du Menschen sagen, die sich in "Ana" wiederfinden können oder selbst ein Thema mit dem Essen haben?

Gregor Hägele: Viele Leute sagen ja, dass man eine Essstörung nie ganz loswerden kann. Aber das ist kompletter Schwachsinn! Ich merke es bei mir selbst und ich habe auch ganz viele Bekannte und Freunde, die etwas Ähnliches durchgemacht haben. Man kommt da komplett raus, wenn man eine radikale Entscheidung trifft!

Ich glaube, der Schlüssel ist Liebe in sich selbst und vor allem auch Leute um sich herum, bei denen man weiß, die lieben mich. Bei mir war es damals so, dass ich irgendwann verstanden habe, "Okay, das sind Gedanken, die mir gerade alles kaputtmachen wollen und ich bin aber gerade nicht stark genug, um das zu differenzieren. Deswegen vertraue ich jetzt nicht mehr mir selbst, weil ich weiß, dass ich mich selbst die ganze Zeit verarsche, sondern vertraue maximal meiner Mama." Ich habe dann blind das gemacht, was sie gemacht oder gesagt hat. Das hat mir damals extrem geholfen.

Mein Tipp wäre es, Leute zu finden oder zu haben, bei denen man weiß, die wollen für mich wirklich nur das Allerbeste. Und wenn ich gerade in meinem eigenen Kopf nicht durchblicke, schalte ich den kurz aus und vertraue einfach und mache genau das, was diese Menschen mir sagen.

Hamburg-magazin.de: Du hast auf dem neuen Album auch ein Lied für deine Mutter geschrieben. Ist das dein Lieblingssong oder welcher Song hat momentan dein Herz?

Gregor Hägele: Ich glaube es ist der Song "Ich hab's gut, ich hab dich" vom neuen Album. In dem Song finde ich mein Herz sowohl musikalisch oder auch inhaltlich am meisten wieder.

Das ist bei den Konzerten immer unser letzter Song und wirklich alle liegen sich im Arm und weinen. Das ist für mich einfach das allergrößte.

Hamburg-magazin.de: Hast du von der aktuellen Tour einen Moment, bei dem du komplett geflasht warst?

Gregor Hägele: Ja, jeden Abend aufs Neue. Jeden Abend gehe ich von der Bühne und sage, "Das war jetzt das Krasseste".

Aber ich hatte gestern in Bremen tatsächlich auch einen wunderschönen Moment. Auf der Bühne habe ich immer In-Ears drin. Das sind Kopfhörer, mit denen man gut hört, was gerade passiert. Die sind einfach während der Show bei Song Nummer drei kaputt gegangen. Und ich dachte so, "oh Gott, darf doch jetzt nicht wahr sein". Ich habe zwar gesungen, aber ich war in Gedanken die ganze Zeit am Überlegen, wie ich das jetzt mache und ob ich Ersatz finde.

Und als hätte das Publikum das gespürt und gehört, fangen die auf einmal total an zu applaudieren und riefen "Gregor, Gregor". Das hatten wir noch nie auf dieser ganzen Tour. Und die haben einfach nicht mehr aufgehört. Als hätten sie gemerkt, dass ich gerade die Unterstützung brauche, weil ich im Kopf gerade total abgeschweift bin. Das hat mir gezeigt, dass da wirklich eine ganz besondere Connection zum Publikum ist. Das war ein ganz, ganz toller Moment für mich.

Ein anderer süßer Moment war in Leipzig, glaube ich, ich bin mir nicht mehr sicher. Da hat am Ende unser Pianist aus dem Nichts angefangen, Rotz und Wasser auf der Bühne zu weinen und ich dachte "Oh, schön".

Hamburg-magazin.de: Und kann Hamburg das heute noch toppen?

Gregor Hägele: Ich bin mal gespannt. Aber Hamburg ist eigentlich fast immer brutal. Ich habe gar keine Erwartungen, aber ich freue mich unendlich auf heute.

Hamburg-magazin.de: Was machst du heute, wenn du von der Bühne gehst und weißt, dass du es geschafft hast?

Gregor Hägele: Dann wird gesoffen. Wirklich! (lacht)

Ich habe jetzt vier Monate quasi abstinent gelebt mit allem. Ich habe mein Privatleben auf ein Minimum zurückgeschraubt. Deswegen beginnt ab heute einfach der Urlaub. Ich möchte heute Abend alles fallen lassen; einfach nur Spaß haben und genießen.

Hamburg-magazin.de: Hast du noch etwas geplant für die nächsten Tage, Wochen, wo du dich jetzt wirklich darauf freust?

Gregor Hägele: Ja, ich gehe übermorgen direkt in den Urlaub. Das mache ich immer so nach der Tour. Da freue ich mich unendlich drauf.

Hamburg-magazin.de: Danke für das nette Gespräch!

Gregor Hägele: Ich danke dir!

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