Hamburg schreibt Geschichte(n): Die Bücher der Stadt

Auch wenn man es in Zeiten von Internet und Streamingdiensten schnell vergisst: Es sind vor allem Bücher, mit denen man in andere Welten reisen kann – oder sich die Welt erklären lässt. Hamburg bietet viele spannende Geschichten zum Durchblättern.

Buch lesen, © iStock.com/seb_ra
Buch lesen, © iStock.com/seb_ra

Kennen Sie Wolfang Borchert? Sollten Sie, der Hamburger Schriftsteller schrieb das Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür". Oder wie sieht es mit Ralph Giordano aus? Sein bekanntestes Werk, der autobiografische Roman "Die Bertinis", spielt in Hamburg. Doch es ist gar nicht nötig, sich nur mit alten Werken und Autoren zu beschäftigen, denn Literatur lebt in Hamburg mehr denn je.

Autoren und Autorinnen wie Benjamin Maack, Karen Duve, Heinz Strunk oder Verena Carl sind eng mit der Hansestadt verbunden oder leben sogar hier. Die Liste ließe sich seitenweise fortführen, wie ein Blick auf eine unvollständige Übersicht von Seiteneinsteiger zeigt. Hamburg bietet offenbar gute Voraussetzungen, um Gedanken aufs Papier zu bringen. 

Doch in unserer schönen Metropole spielen auch viele Romane. Der Krimi "Revolverherz" von Simone Buchholz findet vor allem auf dem Kiez statt, "Trümmerkind" von Mechtild Borrmann holt dagegen eindringlich die Nachkriegsjahre in der zerbombten Stadt zurück. Aber auch internationale Autoren nutzen Hamburg als Kulisse für ihre Romane, zum Beispiel in "Die Akte Odessa" von Frederick Forsyth oder in "Ripley's Game" von Patricia Highsmith.

Doch nur die wenigsten Bücherwürmer wissen, dass Harry Potter, Tim & Struppi und die Peanuts in Hamburg-Ottensen beheimatet sind. Denn hier hat der Carlsen Verlag seinen Sitz, der die Bücher und Comics in Deutschland herausbringt.

Na, Lust bekommen, ein paar Seiten zu schmökern? Kein Problem, denn Hamburg bietet dafür die besten Voraussetzungen. Wer leihen statt kaufen möchte, geht zum Beispiel in die Bücherhallen Hamburg mit 32 Standorten in allen Stadtteilen. Die Zentralbibliothek inklusive der Kinderbibliothek liegt am Hauptbahnhof. Dort befindet sich auch die Jugendbibliothek "Hoeb4U", wo es neben Büchern auch Videospiele oder Filme gibt. In Bergedorf und Harburg fahren wiederum Bücherbusse mit einer großen Auswahl an Büchern bis vor die Haustür.  

Gemeinsam lesen

Das Bücherlesen ist die eine Sache. Aber darüber zu reden, bringt die Geschichten auf eine ganz andere Ebene. Die Möglichkeit dazu besteht in Literaturkreisen, wo an mehreren Abenden Bücher vorgestellt werden, oft in Anwesenheit der entsprechenden Autoren. Der Leseclub Hamburg hat die jungen Leseratten im Blick: Kinder können hier in aller Ruhe schmökern und sich austauschen. Erwachsene treffen sich an der Alster im Literaturhaus Hamburg. Laut der Selbstbeschreibung des Vereins lernen die Mitglieder hier die Köpfe hinter den Geschichten kennen. Das Programm kann sich sehen lassen. Und wenn man schon einmal hier ist, kann man noch einen Abstecher ins schöne Literaturhauscafé machen, um dort etwas Leckeres zu essen.

Die meisten werden sich erinnern, dass die erste Berührung mit einem Buch durch das Vorlesen der Eltern erfolgte. In vielen Kinderzimmern gehört es zum Gute-Nacht-Ritual dazu, den jungen Zuhörern wenigstens ein paar Seiten vorzutragen. Doch leider wird die Liebe zur Literatur nicht überall in die Wiege gelegt.

Zum Glück existiert dafür ein kleiner Ersatz: Der bundesweite Vorlesetag will diese Lücke füllen und lädt seit 2004 in jedem Jahr am dritten Freitag im November zum größten Vorlesefest des Landes ein. Und beim Harbour-Front-Literaturfestival Hamburg reichen sich jedes Jahr Starautoren und Newcomer die Klinke in die Hand. Bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler lesen mit ihren markanten Stimmen an spektakulären Orten aus bekannten und unbekannten Werken.  

Feine Buchhandlungen

Doch was wäre die Lesestadt Hamburg ohne engagierte Buchhandlungen? Dort stehen natürlich Klassiker, Ratgeber, Geschenkbücher und Bestseller in den Regalen, da sie am meisten nachgefragt werden. Vor allem aber gibt es Leseempfehlungen für Bücher, auf die man vielleicht selbst nie gekommen wäre. Am besten geht das bei einer Stulle und einem Glas Wein, wie man es bei "Stories" im Falkenriedquartier am Straßenbahnring regelmäßig beim "Abendbrot" praktiziert.

Auch ein Besuch bei Cohen + Dobernigg in der Schanze lohnt sich. Hier landen aktuelle Veröffentlichungen und Empfehlungen der Mitarbeiter im großen Rundregal – Leseratten entdecken das neue Lieblingswerk quasi beim Vorbeischlendern.

Weitere Tipps: Seitenweise am Hammer Steindamm, die Buchhandlung Christiansen, die bereits seit 1878 in Ottensen Lesehungrige versorgt, die fantastische Fachbuchhandlung Sautter und Lackmann beim Großneumarkt – oder eine andere der 177 Buchhandlungen, die es laut Telefonbuch in Hamburg gibt. Wer muss da noch seine Bücher bei einem US-Händler im Internet bestellen?

So schön und wichtig das Lesen auch ist: Leider kann nicht jeder die Buchstaben und den Sinn im geschriebenen Wort erkennen. Bundesweit können aktuell mehr als sechs Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben, rund 200.000 davon leben in Hamburg. Das stellt die Betroffenen im Alltag häufig vor große Probleme, die entgangene Literatur stellt da sicher die kleinste Sorge dar.

Aber es ist nie zu spät, das Lesen zu lernen – zum Beispiel in Kursen der Hamburger Volkshochschule. Viele praktische Infos und Hilfsmöglichkeiten vermittelt auch der Bundesverband Alphabetisierung. Aber auch wer lesen kann, darf ruhig die Seite besuchen, um zum Beispiel im integrierten Shop einzukaufen, was die Arbeit des Verbandes unterstützt. 

Wie schön das Lesen sein kann, zeigen auch die von uns zusammengestellten Buchtipps. So unterschiedlich die Genres auch sein mögen, haben die Bücher doch mindestens eines gemeinsam: Sie beschäftigen sich alle in irgendeiner Weise mit Hamburg. 

Die besten Bücher, bei denen Hamburg eine Hauptrolle spielt

Im Folgenden haben wir euch unsere liebsten Bücher vor, die allesamt Hamburg zum Thema haben.

 

Hamburg zum Lesen: Reiseführer für Hamburg-Liebhaber und -Hasser

111 Gründe Hamburg zu hassen, Buchcover
111 Gründe Hamburg zu hassen, Buchcover

Jeder Hamburger hat seine Lieblingsorte in der Stadt – das Restaurant mit der besten Pizza, der schönste Blick auf den Hafen, die leckersten Fischbrötchen. Im Reiseführer "111 Orte rund um Hamburg, die man gesehen haben muss" stellt Jochen Reiss Hamburg mal ganz anders vor. Der besondere Blick auf die Stadt hat seinen Grund: Der Autor kommt nicht aus Hamburg, was es ihm erlaubt, vorurteilsfrei und offen auf die City zu blicken. 

Natürlich entführt uns Jochen Reiss zu den 17 Millionen Obstbäumen im Alten Land. Schon da zeigt sich, dass es rund um Hamburg viel mehr gibt als Michel und Alster, als Kiez und Elbphilharmonie. Der Leser erfährt Spannendes über die Natur, wo Reiher und Kormorane in Kolonien brüten. Gleich daneben erlebt der Leser faszinierende Technik, wenn Schiffe zum Beispiel 38 Meter hoch mit dem Fahrstuhl fahren. Wir erkunden versteckte Orte wie die Galopprennbahn mit Logenplatz auf dem Deich. Ein neuer Lieblingsplatz kommt hinzu, wenn der Verfasser verrät, wo man den Ozeanriesen von einer schwankenden Imbissbude aus am besten zuschauen kann.

Da wir in Hamburg aber auch kritikfähig sind, folgt hier noch schnell ein zweiter Tipp: "111 Gründe, Hamburg zu hassen". Uwe Uns zeigt die Stadt aus seinem Blickwinkel. Das liest sich mal lustig, mal trifft es zu – und meistens zeigt sich, dass im großen Ärger noch viel mehr Liebe steckt. Sonst würde man sich doch nicht so ausgiebig damit beschäftigen, oder? Das Buch ist ein schönes Geschenk für all jene, die es schon immer wussten …

"111 Orte rund um Hamburg, die man gesehen haben muss"
Jochen Reiss
Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0564-7

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"111 Gründe, Hamburg zu hassen"
Uwe Uns
Schwarzkopf Verlag
ISBN 978-3-86265-610-3 

Direkt bei Amazon bestellen

 

Hamburg zum Lesen: Erinnerungen an die große Flut

Buch lesen, iStock.com/fotyma
Buch lesen, iStock.com/fotyma

Wir schreiben das Jahr 1962: Hamburg erlebt die größte Sturmflut seiner Geschichte und für die Stadt die bisher größte Katastrophe der Nachkriegszeit. Noch heute erinnern Markierungen daran, wie hoch das Wasser damals stieg. Besonders schwer betroffen war Wilhelmsburg südlich der Elbe, wo 222 der insgesamt 315 Menschen unmittelbar an den Folgen der Flut starben. 

Malte Borsdorf zeigt in seinem Roman "Flutgebiet" Menschen so, wie sie damals waren. Man trifft sich in Novotnys Hafenkneipe "Kogge", wo der junge Karl Blomstedt seine halbe Kindheit verbracht hat, weil seine Mutter dort als Köchin arbeitete. Er müsste längst vom Hafen zurück sein, das Wasser steht schon drei Meter über Normalnull. Die Leseratte soll dem Vorbild des Vaters folgen und ebenfalls Hafenarbeiter werden, obwohl er dafür nicht geeignet scheint. Aber für das Lesen hat man in diesen Kreisen kaum etwas übrig. Die Ehe der Eltern, die Menschen rund um sie und die Hafengeschichten werfen verstörende Schatten auf Karl, als er seiner ersten Liebe begegnet …

Laut SWR2 hat Malte Borsdorf die Geschichte "in seinem blendend recherchierten Roman sehr einfühlsam geschildert", für die "Kieler Nachrichten" ist der Roman "Milieustudie und Entwicklungsroman zugleich". Und das "Hamburger Abendblatt" schreibt: "Und so gelingt es dem Autor, … sich mit dieser sehr leisen Geschichte über die tosenden Februar-Tage an der ausufernden Elbe Gehör zu verschaffen." Auch wir sind begeistert: "Flutgebiet" ist unser Lesetipp für die kalten Monate!

"Flutgebiet"
Malte Borsdorf
Müry Salzmann Verlag GmbH
ISBN 978-3-99014-188-5

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Hamburg zum Lesen: Märchen? Nein, echte Legenden!

Das Hamburger Märchenbuch, Buchcover
Das Hamburger Märchenbuch, Buchcover

Es gibt ein paar Dinge, die man wissen muss, wenn man in Hamburg lebt. Dazu zählt die Geschichte von Klaus Störtebeker. Auch die Namen Zitronenjette und Hans Hummel sollte jeder kennen, schließlich gehören sie zur Geschichte der Stadt wie der Fischmarkt und die Speicherstadt.

Wer hier noch ein bisschen Nachholbedarf verspürt, kann alles im "Hamburger Märchenbuch" nachlesen. Das besonders für Kinder geeignete Buch von Silke Moritz mit Illustrationen von Mira Lob entführt in die aufregende Geschichte der Stadt: Storys mit Piraten, Hexen, Riesen, Teufeln und Klabautermännern. Natürlich alles so passiert, Hand drauf. 

Das Buch kommt mit einem illustrierten Stadtplan. Mit dem kann man noch heute die Schauplätze der Märchen besichtigen – wie bei einer Schatzsuche! Vor allem macht diese Zeitreise viel Spaß. Dass das Buch historisch nicht immer akkurat sein soll, ist natürlich nur ein böses Gerücht. Für uns handelt es sich um die besten Geschichtenstunden überhaupt, wenn man in Hamburg wohnt. Oder jemanden kennt, der dort lebt. Oder schon mal in der Stadt war.

Noch mehr Geschichte: In dem Comic "Rote Fahne, schwarzer Markt" (kostenloses PDF zum Runterladen) wird Hamburg im Jahr 1918 lebendig. Isabel Kreitz und Robert Brack erzählen darin von der November-Revolution kurz nach dem Ersten Weltkrieg aus der Sicht von Bruno Hansen. Der Matrose ist aus Kiel in die Hansestadt an der Elbe gekommen, um die Revolution nach Hamburg zu tragen. Als Brunos Gegenspieler gilt der skrupellose Theo, der aus der Notlage der verarmten Menschen Profit schlagen will. Gründliche Recherche und intensive Zusammenarbeit zwischen dem Autor und der Zeichnerin sorgen dafür, dass die Geschichte dieser Revolution so lebendig und anschaulich wirkt. Der Comic entstand im Auftrag der Landeszentrale für Politische Bildung Hamburg in Kooperation mit dem Museum für Hamburgische Geschichte.

"Das Hamburger Märchenbuch"
Silke Moritz
Marzellen Verlag Köln
ISBN 978-3-937795-52-2

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Hamburg zum Lesen: Geschichten aus dem Kiez

So was von da, Buchcover
So was von da, Buchcover

Der Roman "So was von da" knallt so richtig rein – im positiven Sinne. Tino Hanekamp erzählt hier nicht eine dieser realitätsfernen Kiez-Geschichten. Nein, hier entsteht ein Mikrokosmos, der extrem real wirkt. Er ist hart wie das Leben auf St. Pauli, aber doch so luftig und leicht, wie sich gute Tage in Hamburg nun mal anfühlen. Das Buch beginnt an Silvester, der irrsten Nacht des Jahres auf dem Kiez. Nur Oskar Wrobel würde lieber liegen bleiben. Geht aber nicht. Weil ihm gleich sein Leben um die Ohren fliegt … Tino Hanekamp bewegt sich souverän und ohne Klischees in der Schattenwelt Hamburgs, er balanciert geschickt auf der Grenze zwischen Entertainment und Enttäuschung. In seinen Figuren steckt kein Pathos, aber viel Gefühl. Das Buch erinnert an eine durchgefeierte Nacht auf dem Kiez – nur ohne Kater.

Diesen bekommt man eher beim Lesen von "Elbschlosskeller: Kein Roman". Das Buch erzählt die Geschichte von Daniel Schmidt, dem Betreiber des Elbschlosskellers. Letzterer gilt als vielleicht härteste Kneipe Deutschlands. Der Laden hat rund um die Uhr geöffnet, hier treffen sich Hamburgs Nachtschattengewächse und Nachtschwärmer. Daniel Schmidt hat in seinen jungen Jahren wahrscheinlich schon alles gesehen. "Die Menschen kommen zu uns, damit sie sie selbst sein können", sagt er. Nahezu täglich erlebt er dort Extremsituationen. Oft, aber nicht immer wird er mit ihnen fertig. Einige seiner Storys gibt er in diesem eindrucksvollen Werk preis. 

"So was von da"
Tino Hanekamp
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04441-6

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"Elbschlosskeller: Kein Roman"
Daniel Schmidt mit Olaf Köhne und Peter Käfferlein
Edel Books
ISBN-13 : 978-3841906120

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Hamburg zum Lesen: Abtauchen ins Leben

© iStock.com/romrodinka
© iStock.com/romrodinka

Zu den bekanntesten Werken von Siegfried Lenz zählt die "Deutschstunde". Doch wir Hamburger finden seinen großartigen Roman "Der Mann im Strom" noch viel wichtiger. Der Literat erzählt darin die Geschichte von Taucher Hinrichs. Der ist in diesem Beruf alt geworden. Fast 20 Jahre lang stieg er Tag für Tag hinunter in das trübe Wasser des Hafenbeckens, um dort seine gefährliche Arbeit zu verrichten. Gegen Ende seines Arbeitslebens will er sich nicht ausbooten lassen: Um seine Anstellung nicht zu verlieren, fälscht er seine Papiere und macht sich jünger. Er tut dies mit der Entschlossenheit eines Mannes, der seine letzte Chance wahrnimmt.

Als Siegfried Lenz den Roman schrieb, war er gerade einmal 30 Jahre alt. Doch sein Blick auf den Menschen Hinrichs zeugt davon, dass er damals bereits große Reife besaß. Mit geradezu norddeutscher Klarheit schreibt er über das Leben im Hafen, über das Älterwerden, Männerfreundschaften und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Hier findet der Leser kein Pathos, kein überflüssiges Wort, sondern einfach nur die Beschreibung von Mensch, Beruf und Stadt. Gerade deswegen wirkt das Buch so ergreifend und nah. 

Mit Hans Albers als Hinrichs wurde "Der Mann im Strom" bereits 1958 verfilmt, 50 Jahre später stand Jan Fedder in der gleichen Rolle vor der Kamera.

"Der Mann im Strom"
Siegried Lenz
Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-81079-0

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