Von der Nordseeküste nach Sachsen – die Wege der Kunst sind unergründlich

Viele Künstler nehmen Kontakt zu Galerien auf – meist zunächst per E-Mail oder telefonisch, oft begleitet von einer Auswahl ihrer Arbeiten und der berechtigten Erwartung, auf Interesse zu stoßen. Was sich dabei jedoch selten sofort entscheiden lässt, ist die eigentliche Frage, die über alles Weitere bestimmt: ob aus diesem ersten Kontakt mehr entstehen kann als ein kurzer Austausch – ob sich eine künstlerische Position zeigt, die trägt, und ob daraus eine Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Galerien wächst, die über einzelne Werke hinaus Bestand hat.

Zwei gezeichnete Menschen mit einer bunten Kopfbedeckung auf einer Leinwand
Links das Werk "jetzt oder nie flugversuch" von Fehrmann, mittig das Werk "Golden Red Gate Bridge" von Mühlbauer und rechts die WARTENDE von , © Die Kunstmacher

Umso spannender sind jene Fälle, in denen sich genau das andeutet, ohne dass es sich planen ließe. Uwe Fehrmann, Holger Mühlbauer-Gardemin und Ilona Schmidt sind drei Künstler, bei denen der erste Impuls jeweils von ihrer Seite ausging – und bei denen sich daraus über die Zeit drei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen tragfähige Verbindungen entwickelt haben.

Wenn man ihre Arbeiten nebeneinander sieht, wird schnell klar, dass sie sich stilistisch kaum zusammenfassen lassen. Und genau das ist der Punkt: Die Gemeinsamkeit liegt weniger im Ergebnis als im Ansatz. Alle drei arbeiten mit einer Konsequenz, die sich nicht an Erwartungen orientiert, sondern aus einem eigenen künstlerischen Denken hervorgeht – und genau das ist letztlich die Voraussetzung dafür, dass eine Zusammenarbeit überhaupt interessant wird.

Bei Uwe Fehrmann war bereits früh spürbar, dass seine Arbeiten sich nicht im unmittelbar Erfassbaren erschöpfen. Als seine Arbeiten erstmals in den Blick kamen, bewegten sie sich noch deutlich stärker im magischen Realismus. Für das überwiegend abstrakte Portfolio der Galerie ergab sich daraus eine spannende Ergänzung: Während mit den Positionen des psychologischen Realismus eines André Mimor bereits ein markanter Kontrast vorhanden war, schlug Fehrmanns Malerei eine Brücke zum Nichtgegenständlichen und öffnete damit einen Bereich, in dem sich Motiv, Atmosphäre und Deutung nicht mehr sauber voneinander trennen lassen.

Hinzu kam seine unprätentiöse, ausgesprochen sympathische Art – eine Haltung, die weder die eigene Vita noch die eigene Arbeit vor sich herträgt, obwohl beides durchaus Anlass dazu gäbe.

Seine Malerei bewegt sich zwischen Realismus und Auflösung, zwischen klar erkennbaren Motiven und Strukturen, die sich zunehmend fragmentieren und überlagern, sodass sich Bedeutungsebenen erst nach und nach freilegen. Das macht einen wesentlichen Reiz seiner Arbeiten aus: Was zunächst bisweilen fast ästhetisch oder dekorativ erscheinen mag, wird mit zunehmender Beschäftigung häufig von nachdenklichen, oft auch philosophischen Ebenen überlagert. Hinzu kommen weitere Metaebenen, die für die Deutung des jeweiligen Werkes wesentlich sind und sich keineswegs auf den ersten Blick erschließen.

Diese Form von Malerei funktioniert nicht über den schnellen Zugriff. Sie verlangt Zeit, ein gewisses Maß an Bereitschaft zur Auseinandersetzung – und genau darin liegt ihre Qualität. Betrachtet man sie im Zusammenhang mit seiner Biografie, wird deutlich, dass diese Komplexität kein Selbstzweck ist. Die Ausbildung in der DDR, die bewusste Distanz zu ideologischen Vorgaben, die Flucht 1984 und der damit verbundene Bruch haben einen Erfahrungsraum geschaffen, der sich bis heute in seinen Arbeiten widerspiegelt – auf strukturelle Weise, nicht illustrativ.

Dass sich seine Malerei in den letzten Jahren zunehmend von ihren realistischen Ursprüngen gelöst hat, ohne diese ganz hinter sich zu lassen, macht diese Entwicklung umso interessanter. Seit Jahren arbeitet Fehrmann daran, den realistischen Bildraum aufzubrechen und aufzulösen; in Werkzusammenhängen wie den "Transparenzen" wird diese Bewegung besonders deutlich, ohne sich darauf zu beschränken.

In einem Umfeld, das stark von abstrakten Positionen geprägt ist, ergibt sich daraus eine interessante Reibung: Seine Arbeiten erweitern die Perspektive, ohne sich anzupassen, und öffnen damit einen Raum, der die gegenständliche und nonfigurative Malerei miteinander verbindet.

Links ein Portrait von Uwe Fehrmann vor einer Galeriewand und rechts ein Gemälde mit zwei abstrakten Körpern von Uwe Fehrmann
Links ein Portrait von Uwe Fehrmann, rechts sein Werk ORIGAMI, © Die Kunstmacher

Der Weg zu Holger Mühlbauer-Gardemin verlief dagegen in gewisser Weise umgekehrt. Über einen längeren Zeitraum bestand bereits ein intensiver Austausch, lange bevor es 2025 im Rahmen seiner Ausstellung "Der Küste so nah..." zur ersten persönlichen Begegnung in der Galerie kam.

Dass eine Zusammenarbeit sich über Jahre hinweg entwickelt, bevor man sich tatsächlich gegenübersteht, ist eher die Ausnahme – in diesem Fall aber durchaus folgerichtig. Bereits im längeren Austausch wurde deutlich, wie geschlossen und eigenständig seine künstlerische Position angelegt ist. Was an ihnen zunächst auffällt, ist ihre unmittelbare Offenheit: die Farbigkeit, die Leichtigkeit, dieser lebensbejahende Zug, der sich durch viele Arbeiten zieht und oft auch etwas von norddeutschem Humor in sich trägt.

Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, sie auf diese erste Wirkung zu reduzieren. Im Austausch mit dem Künstler wird schnell deutlich, dass Kunst für ihn keine beiläufige Ausdrucksform ist, sondern ein grundlegender Bestandteil seines Lebens und Denkens. Nichts entsteht nur um seiner selbst willen – und schon gar nicht bloß für den dekorativen Effekt.

Was sich in der direkten Begegnung dann bestätigt hat, ist die Konsequenz, mit der er unterschiedliche Ebenen miteinander verzahnt. Fotografie, digitale Bearbeitung und Malerei greifen ineinander, ohne dass eine Ebene die andere dominiert.

Dabei entsteht etwas, das sich schwer auf eine Richtung festlegen lässt: eine Bildwelt, die zwischen Präzision und Offenheit oszilliert, zwischen kontrolliertem Aufbau und spielerischer Leichtigkeit. Eben diese Beweglichkeit ist es, die seine Arbeiten für unterschiedliche Lesarten öffnet – sie holen den Betrachter ab, ohne sich festzulegen.

Besonders deutlich wurde das bei zwei Arbeiten: "Menschheit" und "Family Diner". Beide greifen Themen wie Vielfalt, Gleichheit und Zusammenleben auf, ohne dabei die für Mühlbauer typische Bildästhetik aufzugeben. Dass ausgerechnet diese beiden Werke später bei einer Berliner Familie mit multikulturellen Wurzeln in der Wohnküche ihren Platz fanden, wirkt im Rückblick fast folgerichtig. Der Ort – als Raum der Begegnung, des Austauschs und des alltäglichen Miteinanders – entspricht genau dem, was in den Bildern angelegt ist. Dass ich die beiden Werke dort selbst installiert habe, hat diesen Zusammenhang noch einmal auf eine Weise greifbar gemacht, die im Galeriealltag so nicht selbstverständlich ist.

Links ein Portrait von Holger Mühlbauer vor einem seiner Werke und rechts sein Werl Leuchtturmarngast.
Links ein Portrait von Holger Mühlbauer und rechts sein Werk Leuchtturmarngast, © Die Kunstmacher

Bei Ilona Schmidt wiederum liegt der Ausgangspunkt deutlich stärker im Inneren. Der erste persönliche Kontakt in der Galerie hat sehr schnell gezeigt, dass ihre Arbeiten nicht aus einem formalen Konzept heraus entstehen, sondern aus einem Prozess, der sich erst im Arbeiten selbst konkretisiert. Der erste Zugang zu ihrem Werk erfolgt dabei oft weniger über die Malerei als über die plastischen Arbeiten. Besonders ihre Köpfe und Figuren wirken fragil, beinahe zerbrechlich und vergänglich – und entwickeln im Raum dennoch eine bemerkenswert kraftvolle Präsenz.

Im Zentrum steht der Mensch – allerdings nicht als fest umrissene Figur, sondern als freies Gefüge aus Emotion, Erinnerung und Beziehung. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen spontaner Setzung und gezielter Verdichtung, wobei insbesondere diese Spannung den Reiz ausmacht.

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist die Plastik "Inka". Der modellierte Kopf wirkt, als sei er aus mehreren Bruchstücken zusammengesetzt; seine aufgebrochene, rohe Oberfläche treibt die charakteristische Brüchigkeit ihrer plastischen Arbeiten besonders weit. Gerade daraus entsteht jedoch eine starke Präsenz. Nicht zufällig gehört diese Arbeit bis heute zu den Positionen der Dauerausstellung für Skulpturen und Plastiken.

Auffällig ist dabei, wie selbstverständlich sie zwischen unterschiedlichen Medien wechselt. Skulptur, Malerei und Grafik stehen nicht nebeneinander, sondern greifen ineinander und erweitern sich gegenseitig. Das Ergebnis sind Arbeiten, die sich aus dem jeweiligen Thema heraus entfalten und trotzdem stilistisch in sich schlüssig sind. Auch in der Malerei zeigt sich diese Offenheit auf eigene Weise. Besonders das Kolorit und die expressiven, bisweilen fast organisch anmutenden Figurationen verleihen den Arbeiten eine Eigenständigkeit, die sich nicht vorschnell einordnen lässt. Wie unmittelbar diese Bilder wirken können, zeigte sich einmal in einer Gruppenausstellung, in der ihr Gemälde "Fragmentiert" hing und ein Besucher sich kaum davon lösen konnte – eine Reaktion, die mehr über die Intensität eines Werkes sagt als viele nachträgliche Deutungen.

Links ein Portrait von Ilona Schmidt und rechts eine Nachbildung einer Büste eines Inkakopfes auf einem weißen Sockel
Links ein Portrait von Ilona Schmidt und rechts Ihre Plastik "Inka", © Die Kunstmacher

So unterschiedlich diese drei Positionen sind, so deutlich wird im Rückblick, dass ihre eigentliche Verbindung an anderer Stelle liegt. Es ist diese Bereitschaft, sich nicht vorschnell festzulegen und die eigene Arbeit stattdessen aus einer inneren Notwendigkeit heraus zu entwickeln – dabei offen genug zu bleiben, um sich auf neue Sichtweisen einzulassen.

Genau hier setzt auch die Arbeit der Galerie an: Die Neue Galerie Dresden versteht sich in diesem Kontext als Rahmen, in dem unterschiedliche künstlerische Ansätze sichtbar bleiben und sich gegenseitig schärfen, statt geglättet oder vereinheitlicht zu werden.

Mit der Onlinepräsenz diekunstmacher.de steht darüber hinaus eine Plattform zur Verfügung, über die diese Arbeiten auch unabhängig vom physischen Ausstellungsraum zugänglich sind – ein Ort, an dem sich unterschiedliche Positionen bündeln und für Sammler, die gezielt Kunst kaufen, in größere Zusammenhänge einordnen lassen.

Was aus solchen Begegnungen erwächst, lässt sich im Vorfeld nicht festlegen. Es entsteht im Austausch, im Arbeiten und nicht zuletzt in der Frage, ob sich aus unterschiedlichen Perspektiven ein gemeinsamer Raum ergeben kann, ohne dass dabei die Eigenständigkeit verloren geht.

Fehrmann, Mühlbauer-Gardemin und Schmidt zeigen auf sehr unterschiedliche Weise, wie genau das funktionieren kann. Nicht, weil sie sich annähern, sondern weil sie ihre Unterschiede behalten – und in diesem stilistischen Spektrum eine Spannung entsteht, die den Arbeiten ihre eigentliche Tiefe verleiht.

Quelle:  Andreas Garbe