Ballett - Hamlet 21

Sonntag, 25.06.2023 15:00 Hamburgische Staatsoper

Ballett - Hamlet 21
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VOR DER AUFFÜHRUNG ZU LESEN

von John Neumeier



Die Schauspiele William Shakespeares waren während meiner gesamten Karriere eine bleibende Inspirationsquelle. Aber wenn man 45 Jahre von einem Stoff fasziniert ist und so lange daran arbeitet, muss es dafür einen guten Grund geben. Shakespeares Drama "Hamlet" ist sicher ein Wahrzeichen der Weltliteratur. Es ist ein Werk, von dem wir voraussetzen, dass es wesentlich ist, von dem wir annehmen, dass wir es kennen sollten. Viele von uns haben "Hamlet" in der Schule gelesen. Möglicherweise sollte auch mein Ballett in einem Klassenzimmer beginnen?



Dieser Gedanke regte mich dazu an, einen neuen Rahmen für mein Ballett "Hamlet 21" zu kreieren – ein weiterer Schritt in meiner 45-jährigen "HamletReise" als Choreograf. Sie begann in New York mit den fragmentarischen "Hamlet Connotations", führte mich nach Dänemark mit einem abendfüllenden "Amleth" in Wikinger-Kostümen und später nach Hamburg, wo ich die Handlung in eine moderne Epoche zwischen den 1930er und 1960er Jahren verlegte.



Schon immer habe ich nach dem Kern, der Essenz dieses Dramas gesucht. In William Shakespeares "Hamlet" erscheint der Geist seinem Sohn und verlangt Rache für den an ihm begangenen Mord. In diesem Moment, wo das Verlangen nach Rache vom Vater auf den Sohn übertragen wird, offenbart sich der zentrale Konflikt des Stückes: das Dilemma eines jungen Mannes im Umgang mit seiner Verantwortung für die Vergangenheit.



Um diesen Zwiespalt zu verstehen, ist es unbedingt notwendig zu wissen, was geschah, bevor Shakespeares Schauspiel beginnt. Selbstverständlich vermittelt der Text diesen wichtigen Hintergrund. Das Ballett dagegen hat keine visuelle Form, um Vergangenes auszudrücken. (Es gibt keinen Schritt, der ausdrückt: Sein Vater wurde ermordet.) Um Hamlets Konflikt zu choreografieren, muss ich die Vergangenheit für den Zuschauer sichtbar werden lassen. Situationen und Charaktere aus früheren Quellen halfen mir, ein visuell einleuchtendes, passendes Konzept zu entwickeln, um Textinformationen "in Tanz zu übersetzen". Ich habe bestimmte dramatische Konstellationen aus den "Gesta Danorum" des Saxo Grammaticus verwendet, jener mythisch-historischen Geschichte über den dänischen König Amleth, und auch Ideen aus späteren Versionen des Stoffes übernommen. Ich glaube, dass man viele verschiedene Quellen benutzen darf, wenn daraus ein persönlicher, neuer "Hamlet" geboren wird. Anders ausgedrückt, ein Kunstwerk, ob es vom Mythos, der Geschichte oder dem Meisterwerk eines anderen inspiriert ist, gewinnt seine eigentliche Substanz, sein individuelles Leben durch den spezifischen Blickwinkel des kreierenden Künstlers.



Giuseppe Verdis "Otello", zum Beispiel, ist ein Meisterwerk. Aber sein "Otello" ist nicht Shakespeares "Othello". Die Oper mag ihre Existenz der Lektüre des Komponisten verdanken, der das elisabethanische Stück gelesen hat, aber wir können sie genießen und schätzen, ohne von Shakespeares "Mohr" die leiseste Ahnung zu haben. Als Schöpfer eines HamletBalletts für heute – und morgen – musste ich einen Teil von mir selbst in dem Quellenmaterial wiederfinden: dem von Shakespeare, Saxo Grammaticus und Adam Oehlenschläger.



Angeregt durch Mythos, Geschichte und Shakespeare suchte ich nach "Hamlet-Klängen" – einer Musik, die den gleichen archaischen und doch menschlichen Charakter besitzt, nach einer musikalischen Welt, welche die Atmosphäre einer mythischen, vorchristlichen Zeit hervorrufen kann, über die tiefen, emotionalen Qualitäten eines Shakespeare-Dramas verfügt und auf zeitgenössische Figuren hindeutet, die emotionale Situationen von heute erleben. Ich fand Tippett!



Bei der Entstehung der Fassung von 1997 hat mich Michael Tippetts Musik sehr inspiriert. Schon lange wollte ich Tippetts Tripelkonzert choreografieren – ohne dass ich an ein bestimmtes Thema gedacht hätte. Später wurde das Konzert ganz selbstverständlich ein Teil von "Amleth".




Musik: Michael Tippett

Choreografie, Inszenierung und Lichtkonzept: John Neumeier

Bühnenbild und Kostüme: Klaus Hellenstein



Musik vom Tonträger



2 Stunden | 1 Pause

1. Teil: 50 Minuten, 2. Teil: 40 Minuten



URAUFFÜHRUNG:

Königlich Dänisches Ballett, Kopenhagen, 2. November 1985 unter dem Titel "Amleth"



ORIGINALBESETZUNG:

Hamlet: Peter Bo Bendixen

Ophelia: Mette Bødtcher

Geruth: Linda Hindberg

Horvendel: Mogens Boesen

Fenge: Lars Damsgaard

Koll: Johnny Eliasen

Polonius: Tommy Frishøi



NEUFASSUNG 1997:

Hamburg Ballett, Hamburg, 4. Mai 1997



ORIGINALBESETZUNG:

Hamlet: Lloyd Riggins

Ophelia: Anna Polikarpova

Geruth: Laura Cazzaniga

Horvendel: Jirí Bubenícek

Fenge: Lars Damsgaard

Koll/Fortinbras: Ivan Urban

Polonius: Jean-Jacques Defago



NEUFASSUNG 2021:

Hamburg Ballett, Hamburg, 13. Juni 2021



ORIGINALBESETZUNG:

Hamlet: Edvin Revazov

Ophelia: Anna Laudere

Geruth: Hélène Bouchet

Horvendel: Marc Jubete

Fenge: Félix Paquet

Koll/Fortinbras: Christopher Evans

Polonius: Ivan Urban

Horatio: Nicolas Gläsmann



Copyright: Staatsoper Hamburg

Preis: 9 € bis 123 €

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Termine der Veranstaltung

Sonntag, 25.06.2023
15:00

Ortsinformationen

Hamburgische Staatsoper
Dammtorstraße 28
20354 Hamburg - Neustadt
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