Rückblick zum Ende einer Ära – Merkels Schrittweiser Rückzug

Wirtschaft

Merkel in Abschiedsstimmung, © Pixabay.com

Merkel in Abschiedsstimmung, © Pixabay.com

Schon allein die Tatsache, dass Angela Merkel (geboren am 17. Juli 1954 in Hamburg) die erste Frau an der Spitze der CDU überhaupt und die erste Frau als Bundeskanzlerin Deutschlands war, macht die Ära im Vergleich zu ihren Vorgängern zu etwas Besonderem.

Doch was bleibt nach dem Rückzug? Woran wird man sich im Zusammenhang mit Merkel in 20 Jahren erinnern? Denkt man an Kohl, kommt einem sofort die Wiedervereinigung in den Sinn. Denkt man an Schröder, den Interimskanzler, fallen einem unweigerlich seine Errungenschaften in der Außenpolitik, Hartz IV und die engen Beziehungen zu Russland ein. Aus aktuellem Anlass bringen viele die Flüchtlingspolitik und eine große Zunahme an Einwanderungen mit Merkel in Verbindung. Doch das ist nicht, was die 13-jährige Kanzlerschaft prägt und ausmacht. 

Wir haben daher die Ära Merkel etwas intensiver beleuchtet und untersucht, was am Ende tatsachlich im Gedächtnis bleibt und wie sie Deutschland, seine Kultur, Politik und Bevölkerung beeinflusst hat. 

Merkels Amtszeit in Daten und Fakten

Zum ersten Mal wurde Angela Merkel als Kanzlerin im Bundestag am 22. November 2005 vereidigt. Erstaunlicherweise war ihr Mann damals nicht dabei, sondern vertrieb sich die Zeit im Casino Adlershof. 

An die Spitze der CDU bewegte sich Merkel bereits 1990, also kurz nach der Wiedervereinigung. Sie trat der CDU bei und erhielt ihre ersten Positionen in der Partei. Im Wahlkreis Stralsund-Rügen-Grimmern kandidierte sie für den Bundestag und war ab 1994 als Abgeordnete tätig. Ihre erste größere Position war Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. In diesem Amt blieb sie bis 1998. Dann wechselte sie als CDU-Generalsekretärin in eine Führungsposition, die für gewöhnlich als Auftakt zum Parteivorsitz gesehen wird. Dies erreichte sie im Jahr 2000 und nur fünf Jahre später wurde sie zur Kanzlerin der großen Koalition gewählt. Im Herbst 2018 kündigte sie ihren Rücktritt als Parteivorsitzende im Dezember 2018 an, was als schrittweiser Rückzug aus der Politik zu verstehen ist, denn zur nächsten Kanzlerwahl im Jahr 2021 wird sie auch nicht mehr antreten.

Merkels Gehaltsentwicklung

Derzeit verdient sie als Kanzlerin und Abgeordnete im Jahr rund 225.000 Euro und ihr Gesamtvermögen wurde 2018 auf 3,5 Millionen Euro geschätzt. Im Vergleich zu anderen Politikern in Führungspositionen liegt dies etwa in der Mitte. So ist das Gehalt beispielsweise doppelt so viel wie der Verdienst von Francois Hollande oder Theresa Mey, wirkt aber im Vergleich zum Staatschef Singapurs kaum erwähnenswert, denn der verdient stolze 1,4 Millionen Euro im Jahr.

Forbes hat längst erkannt, dass Merkel die mächtigste Frau der Welt ist. Man sollte meinen, als mächtigste Frau könnte man auch durchaus zu den Spitzenverdienern der Welt gehören. Weit gefehlt. Deutsche Politiker werden deutlich schlechter bezahlt als hochrangige Wirtschaftsakteure. Martin Winterkorn verdiente bei VW beispielsweise rund 17 Millionen Euro im Jahr. Auch Ackermann lag damals bei der Deutschen Bank bei 9,4 Millionen. Merkels 13 Monatsgehälter zu rund 16.020 Euro sind von diesen Beträgen weit entfernt. Rechnet man die halbe Diät als Bundestagsabgeordnete und die Kostenpauschale hinzu, summiert sich ihr Gesamt-Einkommen auf rund 315.000 Euro im Jahr. 

Interessant ist allerdings, dass sich das Gehalt bis auf die Anpassung der Diäten kaum veränderte. So stand das Gesamteinkommen als Abgeordnete im Bundestag zwischen 2001 und 2005 bei rund 400.000 Euro. Während der Zeit als Ministerin erwirtschaftete sie rund 550.000 Euro. Dies ist im Vergleich zur gesetzlichen Regelung des Kanzlergehalts ein gutes Stück mehr, denn laut §11 des Bundesministergesetzes erhält ein(e) Bundeskanzler/in in Deutschland das 5/3-fache des Grundgehaltes der Besoldungsgruppe B11, was laut Besoldungstabelle für den Bund im Jahr 2020 rund 24.582 Euro im Monat, also 294.989 im Jahr entspricht.

Seit Beginn ihrer Amtszeit und mit der 2006 verabschiedeten Aufteilung der Besoldungstabellen von Bund und Ländern haben sich die Besoldungsansprüche im Bund wie folgt entwickelt:

Besoldungsansprüche im Bund, Grafik
Besoldungsansprüche im Bund, Grafik

Dies entspricht einer durchschnittlichen Erhöhung pro Jahr von rund 1,9%.  

Entwicklung des BIP während ihrer Amtszeit 

Zu ihrem Amtsantritt im Jahr 2005 lag das BIP in Deutschland bei 2,861 Billionen US-Dollar bei einer Bevölkerungsentwicklung von -0,1% und einer Änderung des BIP in Höhe von 0,7% im Vergleich zum Vorjahr.

Erwähnenswert ist auch die Entwicklung des Euro zum US-Dollar während ihrer Amtszeit bzw. der Vergleich zum Zeitraum vor ihrer Amtszeit. Der Wechselkurs (EUR/USD) lag beim Amtsantritt bei 1,2061, während er im Oktober 2018 – also 13 Jahre später – mit 1,1604 nur 3,8% niedriger lag. Zwar erreichte der Euro in den Jahren 2016 und 2017 einen Tiefststand von nahezu 1:1 zum Dollar (1,039 bzw. 1,0409), blieb aber unterm Strich bis auf wenige Schwankungen mehr oder minder stabil. Im Vergleich dazu schwankte der Euro in den Jahren zuvor (2002 bis 2004) deutlich stärker und notierte 2002 mit 0,8605 EUR/USD auf einem historischen Tiefststand deutlich unter dem Dollar. Wer in dieser Zeit kühn genug war und 2002 ein Forex Konto eröffnen konnte, um Euro mit US-Dollar zu kaufen, hätte innerhalb von drei Jahren bis zu ihrem Amtsantritt aus anfänglich 1.000 US-Dollar (= 1.122,71 €) beim Wechsel zurück zum Dollar im Jahr 2005 satte 1.523 US-Dollar erhalten– ein Plus von über 50%.

Beeindruckend ist in diesem Zusammenhang, dass das BIP bereits im ersten kompletten Jahr ihrer Kanzlerschaft um 3,7% auf 3,002 Billionen US-Dollar anstieg. Die Bevölkerungsentwicklung blieb mit 0,1% im Minus praktisch gleich. Im Jahr darauf lag das BIP bei 3,44 Billionen USD, stieg ebenfalls mit 3,3% sehr ordentlich. Ein Absturz kam allerdings zum Ende ihrer ersten Amtszeit in den Jahren 2008 und 2009. Mit 1,1% Wachstum im Jahr 2008 und -5,1% im Jahr 2009 stand das BIP 2009 niedriger als 2007, nämlich bei 3,418 Billionen USD. Die Bevölkerung ging zu diesem Zeitpunkt um 0,2% zurück. 2010 glich sich dies wieder aus, denn das BIP stieg um 4,1% und entwickelte sich bis 2011 auf 3,758 Billionen USD. 2012 gab es dann mit 0,2% erstmals einen Bevölkerungszuwachs, der 2016 sogar bei 0,8% lag. 2017 lag das BIP dann insgesamt bei 3,677 Billionen USD, mit einer Steigerung von 2,2% zum Vorjahr. Insgesamt ergibt dies eine durchschnittliche Wachstumsrate von rund 2,2%, womit man etwa gleichauf mit den Vereinigten Staaten liegt. 

Fun Facts zu Merkel

Fun Facts zu Merkel, Grafik
Fun Facts zu Merkel, Grafik

Wer erinnert sich noch an das Jahr 2006, als Merkel – die übrigens drei Päpste überdauerte – eine überraschende Nackenmassage von George W. Bush erhielt. Ihr Blick – unbezahlbar. Es gibt noch mehr Fakten über Angela Merkel, die Sie vielleicht noch nicht wussten. Eine schöne Aufstellung verschiedener Fun Facts gibt es beim Stern, welche wir hier – um einige weitere Details ergänzt – kurz zusammengefasst haben.

Da ist zum Beispiel ihre Angst vor Hunden, die sie mit sich trägt, seit sie 1995 vom Dackel des Nachbarn gebissen wurde. Erwähnenswert ist auch der Titel ihrer Doktorarbeit – hätten Sie den gewusst? Der Titel lautete: "Die Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden." Auch wissen viele nicht, dass sie vor ihrer ersten Ehe nicht Merkel hieß. Sie übernahm den Namen des Mannes, ihr Geburtsname lautet Kasner. Weiterhin ist sie davon überzeugt, dass sie außerhalb der westlichen Welt nicht in die Politik gegangen wäre.

Dass Merkel Fußballfan ist und auch zuhause vor dem Fernseher mitfiebert, wissen die meisten. Allerdings ist den wenigsten bekannt, dass sie Ehrenmitglied bei Energie-Cottbus ist. 

Bei den Fun Facts zu Merkel kann man ein Zitat aus dem Jahr 1998 sicherlich nicht auslassen. In diesem äußerte sie sich zu ihrer Vorstellung zu einem späteren Rückzug aus der Politik. Damals sagte sie: "Tja, ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Das ist viel schwerer, als ich mir das früher immer vorgestellt habe. Aber ich will dann kein halb totes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige, sondern mir nach einer Phase der Langeweile etwas anderes einfallen lassen." 

Eigenarten ihres Führungsstils 

Besonders im TV-Duell 2005 mit Gerhard Schröder wurden die Unterschiede zwischen den beiden Führungsstilen klar. Merkel wurde als ruhig und sachlich empfunden und sie thematisierte Inhalte wie Föderalismus, Gesundheit, Entbürokratisierung. Große Dramen gibt und gab es bei ihr nicht. Auf emotionale, schnelle Äußerungen zu bestimmten Themen wartete man vergeblich, denn jedes Statement war stets wohl überlegt. Auch wenn manche dies bei gewissen internationalen Ereignissen als unangemessen sahen, ist es ein kalkulierter und zuverlässiger Charakterzug. Auf Merkels Gelassenheit war und ist stets verlass. Man erinnere sich nur an ihren TV-Auftritt während der Weltwirtschaftskrise, als sie mit beruhigenden Worten der Bevölkerung versprach, dass ihre Einlagen sicher sind, während in Griechenland Banken schließen mussten, da ihnen das Bargeld ausging. 

Errungenschaften und Reformen während ihrer Amtszeit 

Es gab während ihrer Amtszeit eine Vielzahl an Errungenschaften und Reformen, die vor ihrer Amtsübernahme für die CDU undenkbar gewesen wären. Denkt man ans Jahr 2000 zurück, stand die CDU Themen wie Atomausstieg, Finanztransaktionssteuer, Ökosteuer, der Freiwilligenarmee, Mindestlohn, Frauenquoten, Öffnung als Einwanderungsland, Homo-Ehe und Gemeinschaftsschulen mit klar ablehnender Haltung gegenüber. Diese wurden während der Ära Merkel realisiert. Die Kanzlerin hat das Erscheinungsbild der CDU also wesentlich mitgeprägt und dazu beigetragen, dass sich die Partei deutlich stärker in Richtung Mitte positioniert hat. 

Letztendlich bleiben insbesondere auch aufgrund ihres vorsichtigen, iterativen Agierens keine großen Coups. Merkels Verdienst ist unterm Strich die jahrelang anhaltende Phase der Stabilität, schon fast Langeweile, wie es auch die Zeit so treffend zusammenfasst. Sicherlich ist nicht zu vergessen, dass sie Deutschland in einer stabilen Phase regierte. Dennoch gab es neben Flüchtlings- und Weltwirtschaftskrise auch schwere Zeiten, die es zu überwinden gab. Oft war auch hier die Gelassenheit und ruhige Haltung der Schlüssel zum Erfolg. Wie sich Angela Merkel in einem echten Ausnahmezustand gezeigt oder neu erfinden hätte müssen – wie Kohl, Schmidt und Brand – haben wir nicht erfahren. Das ist vielleicht auch gut so.

Interessant ist es sicherlich, mehr Werte direkt zu vergleichen, so wie sie vor und nach der Amtszeit von Merkel standen: 

Zahlenvergleich 2004 zu 2018, Grafik
Zahlenvergleich 2004 zu 2018, Grafik

Deutschland ohne Merkel – ein Ausblick

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es laut RP-Online nur drei mögliche Nachfolger aus den Reihen der CDU: Merz, Spahn oder Kramp-Karrenbauer als Parteichefin oder Parteichef der CDU. Ob dieses vorhergesagte Szenario eintritt oder nicht, ist derzeit jedoch noch nicht abschätzbar. Fakt ist, dass Friedrich Merz von allen Kandidaten der deutlichste Gegensatz zu Merkel wäre. Was letztendlich passieren wird, bleibt abzuwarten. Die Politik hat uns nicht nur national schon mehr als einmal überrascht.

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