Internationales Sommerfestival auf Kampnagel

Theater, Oper & Ballett

ARCHIV-Inhalt (veröffentlicht: 20.06.2018)

Sie nennt ihre Tänzer "Extrem Action Heroes" und ihr Bewegungsrepertoire ist eine Avantgarde-Mischung aus Postmodern Dance, Stunt-Show und Akrobatik: Die New Yorker Choreografin Elisabeth Streb kommt mit ihrer sensationellen Streb Extreme Action Company im August zum ersten Mal nach Deutschland, bespielt zuerst das Sony Center in Berlin und setzt vom 15. bis zum 18. August 2018 das Gesetz der Schwerkraft auf Kampnagel außer Kraft.

Strebs Show steht genau für die Offenheit zu unterschiedlichen Formen, Medien und Genres, die der Künstlerische Leiter des Internationalen Sommerfestivals, András Siebold, auch 2018 zum Grundsatz für sein Programm macht, in dem die Grenze zwischen vermeintlicher Hoch- und Populärkultur längst eingerissen ist. Deshalb gibt es zum Festivalstart die Weltpremiere (9. August) eines neuen Hamburg-Musicals: KÖNIG DER MÖWEN. Auf die Bühne gebracht wird es von Musiker Andreas Dorau, Autor Gereon Klug und Regisseur Patrick Wengenroth, die das Genre auf humorvolle Art sezieren, um die Zusammenhänge zwischen Gentrifizierung, Subkultur und Stadtmarketing zu ergründen.

Eröffnet wird das Internationale Sommerfestival am Mittwoch, 8. August 2018, mit einer Company, die aus einem politisierten Umfeld mit sehr starren Grenzen kommt und zum ersten Mal in Europa gastiert: die Malpaso Dance Company aus Kuba. Das achtköpfige Ensemble zeigt eine Uraufführung, die das Sommerfestival in Auftrag gegeben hat: Die Choreografin Cecilia Bengolea wird in Havanna und Hamburg ein Stück entwickeln, das in einem dreiteiligen Abend mit Arbeiten von Ballett-Erneuerin Aszure Barton und Company Co-Gründer Osnel Delgado gezeigt wird. Delgados Stück wird zudem live begleitet vom 6-fachen Grammy-Preisträger Arturo O’Farrill, der außerdem eins von vier Festival-Kooperationskonzerten in der Elbphilharmonie gibt. (12. August)

Eine weitere Weltpremiere kommt zur Festivaleröffnung von dem Künstler Ho Tzu Nyen aus Singapur, der sich zwischen bildender und performativer Kunst bewegt und mit seinem Langzeitprojekt THE CRITICAL DICTIONARY OF SOUTH-EAST ASIA international für Furore sorgte. Auf Kampnagel zeigt er als Teil dieser Reihe mit der Agenten-Story THE MYSTERIOUS LAI TECK ein neues Bühnenstück (9. August), das anschließend u. a. nach Seoul, Singapur, zum Kunsten Festival und zum Holland Festival tourt. Parallel zur Uraufführung auf Kampnagel eröffnet Ho Tzu Nyen auch eine Einzelausstellung in Kooperation mit dem Kunstverein in Hamburg, die bis Anfang Oktober im Kunstverein läuft.

So wie sich Ho Tzu Nyen mit der komplexen Kolonialgeschichte seiner Heimatregion beschäftigt, verarbeitet der Südkoreaner Jaha Koo in einer berührenden Lecture Performance mit drei sprechenden Reiskochern, was die digitalisierte Leistungsgesellschaft mit den Menschen macht. Aus der haben sich die Protagonisten der neuen Arbeit des Schweizers Thom Luz verabschiedet und entwickeln in ihrer schlecht laufenden Nebelmaschinenfabrik zukünftig lieber flüchtige Nebelskulpturen. (Deutschlandpremieren von CUCKOO am 15.08. und GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY am 17. August).

Auch Thom Luz, der bereits zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, gehört zu den Festivalkünstlern, die in unterschiedlichen Genres und auch außerhalb des Theaters arbeiten und entwickelt zusätzlich an zwei Abenden (14. und 15. August) mit den Musikern Tobias Preisig und Stefan Rusconi die Nebel-Installation LEVITATION/SEA OF FOG mit Orgel und Geige in der St. Gertrud Kirche.

Verbindungslinien zur Musik gibt es in vielen Festivalproduktionen: Gisèle Vienne holt zu einer von Peter Rehberg zusammengestellten Playlist mit Klassikern der Rave-Kultur 15 jugendlich aussehende Nachtdurchtänzer als Party-Crowd auf die Bühne und ergründet deren emotionale Ausnahmezustände. (CROWD 10. bis 12. August).

Wie eine Erfrischungskur für das Genre Ballett wirkt die Musik in AUTOBIOGRAPHY, dem neuen Erfolgsstück des Royal Ballet Choreografen Wayne McGregor zu den Beats der amerikanischen Elektronik-Futuristin Jlin. (Vom 22. bis 25. August auf der großen Kampnagel-Bühne).

Aber nicht nur Musik aus den Clubs dieser Welt, auch ein Tanzstil wie Jumpstyle, der in den Nullerjahren in den Vorstädten Belgiens und der Niederlande entstand und sich zunächst über das Internet verbreitete, ist auf dem Sommerfestival präsent. Das belgische Medienkunst-Kollektiv (LA)HORDE, das zwischen Choreografie, Video und Installation und an der Schnittstelle zwischen off- und online arbeitet, hat daraus eine große Bühnenchoreografie gemacht. Deutschlandpremiere ist am 23. August.

An Grenzen zu gehen, nicht zuletzt an die eigenen physischen, gehört zur Arbeitsweise der Choreografin und Performerin Florentina Holzinger, die mit ihrem aktuellen Stück APOLLON Georg Balanchines Ballett "Apollon Musagète" zur Reflexionsfläche für eine ausgesprochen kluge und schonungslose Auseinandersetzung mit Körperkult, Voyeurismus und Sexismus macht. (16. bis 18. August).

Action-Theater und Bühnenhappening ganz anderer Art kommt von der Belgierin Miet Warlop: BIG BEARS CRY TOO heißt ihr neuestes Farb- und Formspektakel für Publikum ab 6 Jahren. Deutschlandpremiere ist am 23. August.

In der neuen Produktion von Rimini Protokoll, DO'S & DON'TS – EINE FAHRT NACH ALLEN REGELN DER STADT, sitzen die Kinder nicht im Publikum, sondern stehen als Expert quasi auf der Bühne. Die ist in diesem Fall die Stadt Hamburg selbst, durch deren Straßen sich das Publikum auf der Ladefläche eines LKWs bewegt und damit an einem großstädtischen Laborversuch über die Regeln der Stadt teilnimmt (an allen Festivalabenden).

Viel weiter als die Stadtgrenzen ist der Diskursradius der Festivalkonferenz HEIMATPHANTASIEN, in der am Wochenende 18. und 19. August ein kritischer Blick auf unsere post-nationale Realität geworfen wird u. a. von Mely Kiyak, Klaus Theweleit, Isolde Charim, Diedrich Diederichsen und Havin Guneser. Nicht nur die künstlerische Arbeit von Ho Tzu Nyen steht im Kontext des Diskurses um "Heimat" und die Welt-Aufteilung in die heutigen Nationalstaaten, auch das neue Musiktheater-Projekt der Hamburger Band Kante zusammen mit den südafrikanischen Musikern von Khoi Khonnexion setzt sich mit dem Einfluss der Kolonialgeschichte auf die Khoisan auseinander und begibt sich auf Spurensuche in Märchen, Poetry und Folk Tales. Uraufführung ist am 23. August. mit anschließender Tour u. a. nach Zürich, München und Kapstadt.

Weitere musikalische Uraufführungen, die nach dem Sommerfestival auch international zu sehen sein werden, kommen von Pantha Du Prince, der in seinem neuesten Werk CONFERENCE OF TREES (13. August.) der Kommunikation von Bäumen nachspürt und Shara Nova (My Brightest Diamond), die in ihrem Programm SEVEN DEADLY PEARLS zusammen mit dem Aarhus Symfoniorkester klassische Musik und Pop in einen einzigartigen Zusammenklang bringt (23. August in der Elbphilharmonie). Mit Klängen vom Saturn ist das Sun Ra Arkestra zu Gast (10. August), John Maus stellt sein aktuelles Album vor (16. August) und Blumfeld machen das Abschlusskonzert ihrer Tour auf Kampnagel zum Heimspiel (26. August).

Das Programm des Internationalen Sommerfestivals 2018 bietet viele Arten zukunftsweisender Grenzüberschreitungen und spannt ein Netz von wechselseitigen Verbindungen zwischen Künstler und Genres, in dem sich das Publikum knapp drei Wochen lang unbedingt verfangen soll.

Wann?8. bis 26. August 2018
Wo?Kampnagel
Programm:Das detaillierte Programm des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel sowie Karten finden Sie hier.

Ortsinformationen

Kampnagel
Jarrestraße 20
22303 Hamburg
Telefon: 040/2709490

Barrierefreiheit

Teilweise Barrierefrei, Infos unter www.kampnagel.de/de/service/barrierefreiheit/

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