Beethoven gewagt ganz anders

Konzerte

Christian Benning Percussion Group, © af-IMAGES  Alexander Frank

Christian Benning Percussion Group, © af-IMAGES Alexander Frank

"Beethoven und Schlagzeug – geht denn das?" Diese Frage stellte der junge Multipercussionist Christian Benning dem Publikum und sich selbst am Freitag, 3. Januar 2020, bei seinem Solo-Debütkonzert im Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Die Antwort gaben er und seine vier Kollegen Felix Kolb, Marcel Morikawa, Patrick Stapleton und Severin Stitzenberger prompt auf musikalische Art. Ein atemberaubendes und geniales Arrangement der berühmten "Mondscheinsonate" für zwei Marimbas, Vibraphon, Bass-Marimba und Drumset von Peter Lawrence, welches dieser anlässlich des 250-jährigen Jubiläums von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 für die "Christian Benning Percussion Group" angefertigt hat, brachte die Zuhörer im bis auf den letzten Platz gefüllten Kammermusiksaal zum Beben.

Jedoch war dies nur eines von vielen Höhepunkten in einem breit gefächerten und Genre-übergreifenden Konzertprogramm, bei dem jeder Musikgeschmack auf seine Kosten kam. Neben weiteren Arrangements u. a. von Johann Sebastian Bach ("Präludium in D-Dur"), Maurice Ravel ("Alborada del Gracioso") oder sogar den Beatles ("Yesterday"), waren Originalwerke von Iannis Xenakis ("Rebonds b"), John Cage ("Third Construction") sowie Chick Coreas "Spain" in unnachahmlich präziser und einzigartiger Version ein wahrer Genuss, dem sich der Zuhörer förmlich hingeben konnte.

Mit ihrer umfangreichen klangfarblichen Palette ist es Christian Benning und seinem Ensemble gelungen, das Publikum buchstäblich abzuholen und auf eine Reise mitzunehmen, hinein in seine musikästhetische Welt, bei der die Zeit wie im Flug verging.

Bennings instrumentale Virtuosität, die er vielfach mit technischer Präzision und Finesse unter Beweis stellte, ergänzt er ebenso durch sanft anmutiges Spiel, das nicht wenige sogar zu Tränen rührte; seinem verstorbenen Mentor Peter Sadlo widmete er einen Blues, bei dem der Saal vor Spannung und purer Emotion die Luft anhielt.

Dieses ausgewogene Spiel zwischen Perfektion und Emotion beherrscht der 24-jährige Münchener schon wie ein ganz Großer. Groß auch seine eloquente Moderation sowie sein Video-Konzept mit Live-Kameras auf und über der Bühne, das dem Publikum immer wieder Perspektiv-Wechsel und damit zusätzlich noch ein ganz anderes Konzerterlebnis ermöglichte. Durch die Kamera hindurch schwebte man mal über den Musikern, mal stand man direkt am Instrument, und hinter dem Drumset wurde zur Schau gestellt, wie man mit zwei Füßen fünf Pedale gleichzeitig im Einklang bedienen kann. Sogar Musiktheater ist in Christian Bennings kurzweiligem Repertoire des Abends enthalten gewesen. Bei dem unterhaltsamen und kongenialen Handballett-Trio "Musique de Table" des belgischen Choreografen Thierry de Mey sowie bei dem pantomimischen Solo-Werk "Bad Touch" des US-Amerikaners Casey Cangelosi kam sogar UV-Licht zum Einsatz.

Das Publikum in der Elbphilharmonie erlebte man während dem Konzert derart gebannt und fasziniert, nach dem Konzert erfüllt, begeistert und frenetisch, sodass es die fünf Musiker auch nach einer sagenhaften Zugabe (Bachs Präludium in c-Moll in einer Latin-Version) unter minutenlangen Standing Ovations am liebsten gar nicht mehr von der Bühne lassen wollte. Klar sind zwei Dinge; zum einen, dass beim nächsten Hamburger Konzert von Christian Benning der Kleine Saal der Elphi nicht mehr ausreichen sollte, und zum anderen, dass spätestens bei diesem Konzert ein Stern am Schlagzeug-Himmel aufgegangen ist, der noch von sich sehen und hören lassen wird.

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