Kommunizieren mit visueller Grammatik: Gehörlos leben

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Kommunizieren mit visueller Grammatik: Gehörlos leben, Foto: © Petra Bork / pixelio.de

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Neben Ihnen unterhalten sich zwei Menschen – zu hören sind diese allerdings nicht. Wahrnehmen können Sie nur ein paar undefinierbare Laute, und beide gestikulieren stark mit ihren Händen. Sie sind gehörlos. Hörgeschädigte leben in einer Welt ohne Musik, ohne Vogelgezwitscher und können unsere Nachrichten- und Unterhaltungs- Medien nur eingeschränkt nutzen.

Radio, Fernsehen und Internet-Podcasts sind für die meisten Menschen Kanäle, die zum Alltag dazu gehören. Doch für gehörlose Menschen sind diese Medien nur teilweise nutzbar. Sie verpassen vieles, was in der Welt um sie herum passiert. Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) linguistisch und gesetzlich anerkannt ¹ – ein großer Fortschritt, denn so nimmt die DGS immer mehr an Bedeutung zu.

Gehörlose können zwar in ihrer Sprache kommunizieren und sich z. B. teilweise durch Zeitungen über Themen informieren, dennoch gehen sie wesentlich eingeschränkter durchs Leben als Nicht-Gehörlose. Besonders für ältere Menschen können auch Texte eine Barriere darstellen. Ihre Muttersprache ist schließlich die DGS und nicht die Laut- und Schriftsprache. In Deutschland kommunizieren ca. 200.000 Menschen in der DGS, weltweit liegt die Anzahl wesentlich höher. Außerdem existieren unterschiedliche Varietäten der Gebärdensprache: z. B. die amerikanische (American Sign Language – ASL), die britische (British Sign Language – BSL) und die australische Gebärdensprache (Australian Sign Language – AUSLAN). Hinzu kommen verschiedene Dialekte wie Bayerisch oder Sächsisch.

Eine Studie der Aktion Mensch über die Nutzung von Web-2.0-Anwendungen durch Menschen mit Behinderung ergab, dass Gehörlose aufgrund von verschiedenen Barrieren benachteiligt sind. Beispielsweise können sie Video- und Audio-Podcasts, Blogs/Vlogs, Wikis und Foren nicht problemlos nutzen.²

Die Entwicklung zu Gunsten hörgeschädigter Menschen schreitet allerdings voran. So setzt die größte öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Europas, das ZDF, mittlerweile von 16.00 bis 22.15 Uhr Untertitel ein. Dabei werden zwei Varianten unterschieden: Bei der sogenannten Film-Untertitelung werden alle Untertitel für Serien, Spielfilme und Dokumentationen vorproduziert. Bei der Live-Untertitelung hingegen für z. B. Nachrichten-Sendungen, "Aktenzeichen XY", "Wetten, dass..?" oder Sport werden Untertitel live umgesetzt. Doch das Thema Barrierefreiheit ist beim ZDF noch lange nicht abgeschlossen: Neben Beiträgen mit Gebärdenspracheinblendung in der ZDFmediathek sind weitere behindertenfreundliche Umsetzungen in Arbeit.

¹ Vgl. Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)
² Vgl. RKW Kompetenzzentrum: "Einsatz von Gebärdensprache und Untertiteln in den elektronischen Medien".

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