Kiez-Gastronomen fahren Freiheit wieder hoch

Wenn über St. Pauli berichtet wird, zeigen Bilder meist den Blick von der Reeperbahn in die Große Freiheit. Die Straße ist mit ihren Clubs, Bars und bunten Leuchtreklamen das bekannteste Symbol für St. Paulis lebendige Kiez-Kultur. Seit Mitte März sind die Lichter aus, die Musik ist verstummt und kein Ende in Sicht. Oder doch? Am Donnerstag, 7. Mai 2020 um 21.30 Uhr wird die Freiheit wieder zum Leben erweckt!

Große Freiheit, © Ahmed Rahal
Große Freiheit, © Ahmed Rahal

Die Leuchtreklamen gehen an, Musik, Momente der Hoffnung. Doch kurze Zeit später ändert sich die Stimmung schlagartig: Auf ein Signal gehen alle Lichter aus, die Musik verstummt. Wir sehen eine große Discokugel, auf den Boden gestürzt und zerplatzt. Ein Scherbenhaufen. Symbol für zerbrochene Träume und Lebenswerke. Für die Bars, Clubs und Discotheken. Vor der Kugel wird ein Trauerkranz im Beisein von Pfarrer Karl Schultz (St. Joseph Kirche, Große Freiheit) niedergelegt.

Gastronomen halten Traueranzeigen mit Namen ihrer Läden in den Händen. Es folgt eine Schweigeminute. Gespenstische Stille. "Wir möchten mit unserer Aktion nicht anklagen, sondern ein starkes Bild senden: Leben ist nicht nur das Gegenteil von Tod. Zum Leben gehört mehr, als nur am Leben zu sein. Es geht auch darum, ein lebenswertes Leben zu haben, um Existenzen, die sich Menschen aufgebaut haben und deren Lebenswerke jetzt bedroht sind.", erklärt Olivia Jones. "So wie hier auf St. Pauli geht es gerade Bars und Clubs in ganz Deutschland. Und nicht alle haben die Möglichkeit, so prominent wie wir auf sich aufmerksam zu machen. Auch denen möchten wir mit unserer Aktion eine Stimme geben."

Gespräch mit Hamburgs Erstem Bürgermeister lässt hoffen

Ihre Positionen hatte Jones auch in einem richtungsweisenden Livestream mit Yared Dibaba (NDR Moderator und Betreiber des Clubs "Uwe" am Spielbudenplatz) und Hamburgs erstem Bürgermeister Peter Tschentscher vorgebracht. Tschentscher versprach daraufhin sichtlich bewegt, sich im Ministerrat auch für Bars, Clubs und Kneipen stark zu machen und gab ein Bekenntnis zur Gastro-Szene – nicht nur auf St. Pauli – ab. Der sei, so Jones, nämlich "der Boden unter den Füßen weggerissen" worden. Bei vielen Gastronomen spüre sie "Verzweiflung" angesichts hoher Mieten, null Umsatz und vor allem noch keinerlei Perspektive auf Besserung.

Diskutiert wurden u. a. weitere Hilfsprogramme, mehr Perspektiven bei verschiedenen Lockerungs-Szenarien und 7 Prozent Mehrwertsteuer auch für Getränke und Eintritte, wodurch nach Restaurants auch Bars, Kneipen und Clubs unterstützt würden – nur einige der Forderungen, denen mit der Aktion am Donnerstag noch einmal Nachdruck verliehen werden soll.

Auch Bars, Clubs und Kneipen "Systemrelevant"?

Mindestens ein Drittel der Gastronomie-Betriebe werden nach Schätzungen des DEHOGA die Krise nicht überstehen. Mehrwertsteuersenkungen greifen erst, wenn die Gäste zurückkommen und gelten derzeit sowieso nur für Restaurants. "Man hat den Eindruck, dass in dieser Lage Bars, Kneipen und Clubs vergessen werden. Dabei waren das die ersten, die schließen mussten und es werden verständlicherweise die letzten sein, die öffnen dürfen" erklärt Olivia. "Wann, steht noch völlig in den Sternen. Ich mache mir große Sorgen um die Vielfalt, nicht nur auf St. Pauli. Auf den ersten Blick geht’s nur ums Vergnügen, aber wenn man genau hinschaut, sieht's anders aus: Die Stadt lebt zu einem großen Teil vom Tourismus. Und der braucht eine bunte Gastro Szene. Mindestens in Hamburg. Das wollen
wir bewusst machen."

Die Initiatoren: 50 Kiez-Institutionen

Zu den Initiatoren der Aktion zählen nicht nur Gastronomen der Großen Freiheit wie Olivia Jones, Susi Ritsch (Susis Show Bar), die Betreiber des Dollhouse oder der Großen Freiheit 36, sondern auch Club- und Barbetreiber aus ganz St. Pauli, darunter Axel Strehlitz (Alte Liebe/Wunderbar/Klubhaus), Daniel Schmidt (Elbschlosskeller/Meuterei), Dominik Großefeld (Silbersack), Oliver Borth (u. a. Hans Albers Eck, La Paloma, Molly Malone) uvm.

Wegen der auch für Versammlungen geltenden Auflagen musste die Anzahl der Teilnehmer trotz großen Interesses auf 25 Personen beschränkt werden. Die Anwesenden repräsentieren allerdings schon rund 50 namhafte Kiez-Bars, -Clubs und -Kneipen sowie die IG St. Pauli, die wiederum einen großen Teil der Kiez-Betriebe vereint. Die Aktion soll zudem mit Unterstützung von Yared Dibabas "Kulturona"-Team und einem Ü-Wagen live über die Social Media Profile der beteiligten Gastronomen mit insgesamt mehreren hunderttausend Fans und Followern gestreamt werden – nach Einschätzung der Initiatoren die derzeit größte Aktion dieser Art in Deutschland.

Quelle: SCOOPCOM! GmbH

Coronavirus: Hamburg ergreift weitere Lockerungsmaßnahmen

Weitere Empfehlungen