Keramiker Hans Kuretzky und der Alte Elbtunnel: Wir verlosen 2x1 Buch

Rund 760.000 Fliesen, ein 25 Jahre dauerndes Restaurierungsprojekt und ein Keramiker, der seine Lebensaufgabe darin fand: Hans Kuretzky hat dem Alten Elbtunnel in Hamburg seinen Glanz zurückgegeben. Ein Porträt über Handwerk, Hingabe und einen Mann, der nicht aufhören kann.

Hans Kuretzky steht links und zeigt mit dem linken Arm auf sein liebstes Tiermotiv
Hans Kuretzky zeigt sein liebstes Tiermotiv, © Redaktion hamburg-magazin.de

Vom Zeitungsartikel zum Auftrag

Ein Zeitungsartikel im Hamburger Abendblatt brachte alles ins Rollen. Im Jahr 2001 entdeckte Kuretzkys Frau Heidrun eine Doppelseite über die geplante Restaurierung des St.-Pauli-Elbtunnels. Kuretzky, gebürtiger Düsseldorfer und seit den 1980er-Jahren in Schleswig-Holstein ansässig, rief den damaligen Tunnelleiter Dieter Kausch an. Schon am nächsten Tag standen die beiden im Tunnel.

Was sie vorfanden, war ein heruntergekommenes Bauwerk voller Risse, Abplatzer und Schmutz. Niemand hatte die Schäden an den berühmten Tunneln je systematisch erfasst. Die Kuretzkys übernahmen die Aufgabe, fotografierten analog, erstellten ein Raster und dokumentierten jeden Defekt. Nach zwei Wochen bot ihnen ein Architekt der HPA einen Vertrag an.

760.000 Fliesen

Rund 760.000 Fliesen kleiden den zwischen 1907 und 1911 erbauten Alten Elbtunnel aus – ein in ganz Europa einmaliges Bauwerk. Der Künstler Otto Gottlieb Hermann Perl gestaltete die Keramik, darunter zahlreiche Tierreliefs, die spiegelbildlich in Ost- und Weströhre angeordnet sind. Perl erhielt den Auftrag wahrscheinlich um 1905 mit gerade einmal 27 Jahren und hatte offensichtlich freie Hand bei der künstlerischen Umsetzung.

Die Tiermotive an den Wänden zeigen Arten, die es einst im Hamburger Hafen gab – vom Tümmler bis zum Hummer. "Den Tümmler finde ich sehr, sehr schön", erzählt Kuretzky. Die meisten dieser Tiere sind heute tatsächlich wieder in der Elbe heimisch. Neben den Reliefs prägen Gewölbe-, Wand- und Sockelfliesen aus Feinsteinzeug das Bild – ein Material, das besonders haltbar, hart und frostfest ist.

Tierrelief eines Hummers im Alten Elbtunnel
Tierrelief im Alten Elbtunnel, © Hamburg-magazin.de

Die Kunst der Glasur

Die größte Herausforderung lag nicht in der Herstellung der Fliesen selbst, sondern in deren Oberfläche. Eine Glasur ist im Grunde nichts anderes als Glas – und Glas lässt sich weltweit durch keine Analyse exakt reproduzieren. "Es gibt keine Möglichkeit auf der ganzen Welt, keine Spektralanalyse, um Glas so zu analysieren, dass man hinterher das Rezept hat", erklärt Kuretzky.

Die Bestandteile – früher vor allem Blei und Quarz – lassen sich zwar bestimmen, doch das genaue Mischungsverhältnis bleibt verborgen. Jede Glasur musste daher empirisch entwickelt werden, durch geduldiges Probieren und Vergleichen. In der Weströhre gibt es heute eine Referenzfläche, auf der alte und neue Fliesen nebeneinander liegen. Für Laien ist der Unterschied kaum erkennbar – bei den Tunneltieren schon gar nicht.

Vier Wochen für eine Fliese

Der Unterschied zwischen industrieller Produktion und Kuretzkys Arbeit ist gewaltig. Eine handelsübliche Badezimmerfliese entsteht in rund 50 Minuten. Eine Fliese für den Elbtunnel braucht dagegen bis zu vier Wochen – inklusive Trocknungs- und Brennzeiten, die stark wetterabhängig sind. Natürlich werden viele Fliesen parallel gefertigt, doch die Glasurentwicklung im Vorfeld verschlingt zusätzlich Wochen intensiver Arbeit.

Alter Elbtunnel mit Blick in die Röhre
Alter Elbtunnel St. Pauli mit Blick in die Röhre, © Redaktion hamburg-magazin.de

Bauhütte im Elbtunnel

Kuretzky und sein Team arbeiteten in der Oströhre nach dem historischen Prinzip einer Bauhütte – vergleichbar mit der Dombauhütte am Kölner Dom. Handwerker, Architekten, Bauaufsicht und Denkmalschützer kamen regelmäßig zusammen, diskutierten und entwickelten gemeinsam Lösungen. Denn vieles war Neuland: Niemand wusste genau, wie die Wände hinter den Fliesen aussahen oder wie viel Wasser durch die genieteten Tübbings drang.

Die Zusammenarbeit war nicht immer reibungslos. Auseinandersetzungen mit dem Denkmalschutz und der HPA gehörten dazu, weil Sehgewohnheiten und Qualitätsansprüche erst abgeglichen werden mussten. Kuretzkys Credo dabei: "Wir haben gesagt: erst wieder in 100 Jahren." Erst dann soll wieder eine Restauration notwendig sein. Diesen Anspruch setzte das Team konsequent durch.

Hans Kuretzky: 50 Jahre mit Ton

Hans Kuretzky arbeitet seit mehr als 50 Jahren als Keramiker. Den Beruf entdeckte er durch Zufall: Eigentlich wollte er Sozialarbeit studieren, doch es gab keinen Studienplatz. Jemand empfahl ihm die Werkkunstschule in Krefeld, wo er Keramikdesign studierte – und die Arbeit mit Ton packte ihn sofort. Seit 1985 betreibt er seine eigene Werkstatt in Borstorf, seit 1990 hat er sich auf Baukeramik spezialisiert.

Gemeinsam mit seiner Frau Heidrun, einer Kalligrafin, arbeitet er seit 1993 zusammen. Insgesamt bildete er sieben Lehrlinge aus. Bei Bedarf halfen Studenten oder Wandergesellen. Für seine Arbeit am Alten Elbtunnel wurde er 2006 und 2008 mit dem Bundespreis ausgezeichnet. Seit 2025 ist er Mitglied der renommierten Michelangelo Foundation und Teil der Homo-Faber-Initiative.

Neben dem Elbtunnel hat Kuretzky auch die U-Bahnstationen Sierichstraße und Trabrennbahn Farmsen restauriert. Inzwischen hat er die Werkstatt an seine Gesellin übergeben – doch ans Aufhören denkt er nicht. Aktuell baut er eine große Keramikplatte für einen Friedhof nach. Wenn Kuretzky mal nicht in seiner Werkstatt arbeitet, findet man ihn und seine Frau auf Töpfermärkten: Da verbringen die beiden manchmal sechs Stunden, ohne es zu bemerken.

25 Jahre Hingabe

Hätte Kuretzky 2001 geahnt, dass ihn der Tunnel ein Vierteljahrhundert begleiten würde? "Nö", sagt er trocken. Zwischen Ost- und Weströhre gab es Unterbrechungen, manchmal die Sorge, den nächsten Auftrag nicht zu bekommen. Doch die Geduld, die der Beruf des Keramikers von Anfang an fordert, half ihm durch jede Phase.

"Mich begeistert dieser unglaubliche Glanz, die ungalubliche Vielfalt an Keramiken zutiefst", so Kuretzky. Seine Lieblingszeit im Elbtunnel? Eindeutig nachts. "Da ist es ganz still und man kann weit schauen".

Heute hat Kuretzky die Werkstatt an seine Gesellin übergeben, arbeitet aber weiter: "Das werde ich auch nicht lassen können."

Das Buch zum Lebenswerk

Das druckfrische Buch über die Elbtunnel-Restaurierung ist Kuretzkys erstes Werk. Die Idee entstand, als seine Lektorin ihn im Tunnel begleitete und meinte: "Schreib doch mal ein Buch darüber." Kuretzky hatte lange darüber spekuliert, sich aber vorher nie getraut.

Wir verlosen am Ende das Artikels 2x1 druckfrische Ausgabe des Buchs, also lest weiter!

Sein Wunsch an die Leser: "Dass sie sich mehr Zeit nehmen", den Tunnel wirklich betrachten und verstehen, wie viel Arbeit in jedem keramischen Objekt steckt. Wer genau hinschaut, entdeckt immer wieder kleine Details: Zum Beispiel kleinen Zahlen an der Wand, die in regelmäßigen Abständen die zurückgelegten Meter anzeigen oder von Kuretzkys Frau handgeschriebene Schilder.

Und wie fühlt es sich an, durch den fertigen Tunnel zu gehen? "Ehrlich gesagt bin ich stolz. Es war eine unglaublich schöne Zeit, und es ist gelungen", so Kuretzky. Unbefangen kann er den Tunnel aber längst nicht mehr unbefangen durchqueren – er prüft jedes Mal, wie sauber er gerade ist.

Bereits in Arbeit ist ein zweites Buch über Architektur-Keramik in Hamburg – mit bisher über 500 dokumentierten Objekten im öffentlichen Raum.

Kuretzkys Leidenschaft fürs Schreiben findet sich auch im Tunnel wieder: Das Ehepaar hat auf die Rückseiten einiger Fliesen Gedichte geschrieben – als Geschenk an die Nachfahren.

Führungen durch den Tunnel

Regelmäßig bietet Kuretzky Führungen durch den Alten Elbtunnel an, etwa am Tag des Denkmals oder beim Architektursommer. Am liebsten führt er Gruppen von 15 Personen – dann bleibt Raum für echten Austausch. Bei größeren Veranstaltungen waren auch schon bis zu 60 Teilnehmer dabei. Die Reaktionen sind stets begeistert, wenn er den Blick für die Keramik schärft.

Interessierte können sich per E-Mail an Hans Kuretzky (info@kuretzkykeramik.de) wenden und einen Termin für eine Führung vereinbaren.

Mit der Wiedereröffnung der Weströhre 2026 und dem 115. Jubiläum des Tunnels liegt der Tunnel besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Die Weströhre soll künftig verstärkt für Veranstaltungen genutzt werden. Für Kuretzky wäre das die Krönung eines Vierteljahrhunderts Arbeit – und für Hamburg die Rückkehr eines Stücks Identität.

Ihr wollt den Alten Elbtunnel mit ganz neuen Augen entdecken? Wir von hamburg-magazin.de haben viele weitere Geschichten und Tipps rund um Hamburgs besondere Orte für euch.

Hans Kuretzky und 2 Gäste bei einer Führung durch den Alten Elbtunnel
Führungen durch den Alten Elbtunnel, © Redaktion hamburg-magazin.de

Der Mann hinter den Fliesen

Hans Kuretzky ist Keramiker aus Zufall – und aus Leidenschaft. Eigentlich wollte er Sozialarbeit studieren, doch es gab keinen Studienplatz. Jemand empfahl ihm die Werkkunstschule in Krefeld, er studierte Keramikdesign, und die Arbeit mit Ton packte ihn sofort. Seit über 50 Jahren lässt sie ihn nicht mehr los.

1985 gründete er seine eigene Werkstatt in Borstorf, seit 1990 hat er sich auf Baukeramik spezialisiert – jenen Bereich, in dem Architektur und Material aufeinandertreffen. Gemeinsam mit seiner Frau Heidrun, einer Kalligrafin, arbeitet er seit 1993 zusammen. Die beiden bilden ein eingespieltes Team, das sieben Lehrlinge ausgebildet hat und bei Bedarf Studenten oder Wandergesellen hinzuzog.

Für seine Arbeit wurde Kuretzky 2006 und 2008 mit dem Bundespreis ausgezeichnet. Seit 2025 ist er Mitglied der renommierten Michelangelo Foundation und Teil der Homo-Faber-Initiative. Manchmal erreicht ihn sogar Fanpost – von Tunnelbesuchern oder ehemaligen Hafenarbeitern, die sich bedanken.

Ihr wollt noch mehr kreative Köpfe aus Hamburg kennenlernen? Wir von hamburg-magazin.de stellen euch regelmäßig Menschen vor, die diese Stadt mit ihrem Handwerk prägen.

Der Alte Elbtunnel im Überblick

Bauzeit: 1907-1911
Länge: 426,5 Meter unter der Elbe
Innendurchmesser pro Röhre 6 Meter
Tiefe: 24 Meter, erreichbar über je 132 Stufen oder Aufzüge
Fliesen: rund 760.000 aus Feinsteinzeug
Baukosten: ca. 10 Millionen Goldmark
Restaurierungskosten: rund 130 Millionen Euro
Gestalter: Otto Gottlieb Hermann Perl
Wiedereröffnung und 115. Jubiläum: 2026

Mehr zum Alten Elbtunnel erfahrt ihr hier.

Gewinnspiel

Wir verlosen 2x1 Buch "Glanz unter der Elbe" von Hans Kuretzky!

Wer gewinnen möchte, schickt uns bitte bis Dienstag,
6. Oktober 2026, um 18:00 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "Glanz unter der Elbe" an:  gewinnspiel@hamburg-magazin.de

Teilnahme ab 18 Jahren. Bitte denke daran, deine vollständige Adresse anzugeben (Datenschutzerklärung). Mitarbeiter der heise & dumrath medien gmbh & co. kg Firmengruppe sowie deren Angehörige sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Mehrfacheinsendungen und automatisierte Teilnahmen werden gelöscht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Hans Kuretzky ist ein Keramiker aus Borstorf, der seit über 50 Jahren mit Ton arbeitet. Seit 2001 begleitet er die denkmalgerechte Restaurierung des Alten Elbtunnels in Hamburg. Für seine Arbeit erhielt er 2006 und 2008 den Bundespreis. Seit 2025 ist er Mitglied der Michelangelo Foundation.

Die ursprüngliche künstlerische Gestaltung stammt von Otto Gottlieb Hermann Perl, der damals erst 27 Jahre alt war und freie Hand bei der Kunst am Bau hatte. Die denkmalgerechte Restaurierung übernahm ab 2001 der Keramiker Hans Kuretzky mit seinem Team.

Glasur besteht im Wesentlichen aus Glas, und Glas lässt sich durch keine Analyse der Welt so entschlüsseln, dass man das exakte Rezept erhält. Die Bestandteile sind ermittelbar, nicht aber die genauen Mengenverhältnisse. Jede Glasur musste daher empirisch – also durch systematisches Ausprobieren – nachentwickelt werden.

Hans Kuretzky bietet mehrmals im Jahr Führungen durch den Alten Elbtunnel an, etwa am Tag des Denkmals oder beim Hamburger Architektursommer. Die Führung kostet 10,- Euro pro Person. Kuretzky zeigt dabei Details, die den meisten Besuchern verborgen bleiben.

Die Restaurierungsarbeiten erstreckten sich über rund 25 Jahre, beginnend im Jahr 2001. Dabei gab es auch Unterbrechungsphasen, etwa zwischen den Arbeiten an der Ost- und der Weströhre. Hans Kuretzky und sein kleines Team aus der Werkstatt in Borsdorf begleiteten das Projekt über die gesamte Dauer.

Hans Kuretzkys Buch "Glanz unter der Elbe. Hamburgs Alter Elbtunnel" erschien am 15. September 2026. Es behandelt die 25-jährige Restaurierung des Tunnels und widmet sich fast vergessenen Glasur- und Brenntechniken. Parallel arbeitet Kuretzky an einem größeren Werk über Architektur-Keramik in Hamburg mit rund 500 dokumentierten Objekten.

Im Alten Elbtunnel befinden sich rund 760.000 Fliesen an Gewölbe, Wänden und Sockeln. Diese Zahl umfasst allerdings nicht die Fliesen in den Schächten auf beiden Seiten. Nahezu alle Gewölbe-, Wand- und Sockelfliesen wurden im Zuge der Restaurierung erneuert, da sich die Originale nicht zerstörungsfrei aus dem Mörtelbett lösen ließen.

Ortsinformationen

Alter Elbtunnel
Bei den St.Pauli-Landungsbrücken
20359 Hamburg - St. Pauli