Egoismus in der Krise: Julien Backhaus im Interview

Medienunternehmer und Bestsellerautor Julien Backhaus wirbt in seinem neuen Buch für einen guten Egoismus.

Julien Backhaus, © Oliver Reetz
Julien Backhaus, © Oliver Reetz

In Ihrem neuen Buch, dass mitten in der Corona-Pandemie erschienen ist, behaupten Sie, Gewinner seien auch Egoisten. Gilt das auch in Krisenzeiten? 

Das gilt besonders in Krisenzeiten. Man muss leider sagen, dass der Durchschnitt der Bevölkerung einen sehr kurzen Horizont hat. Urlaube und Handyverträge werden in der Regel besser geplant, als die Karriere oder gar das Leben. Deshalb ist auch die Masse nie sonderlich erfolgreich. Und in der Krise schon gar nicht. An der Börse gilt das Sprichwort "Bei Ebbe wird man sehen, wer ohne Badehose schwimmen gegangen ist". Das kann man aber derzeit überall erkennen. Menschen werden von Krisen überrascht und stehen mit dem Rücken zur Wand.

Und das ist bei Egoisten anders?

Das ist zumindest bei guten Egoisten anders. Ich unterscheide in meinem Buch zwischen guten und schlechten Egoisten. Die schlechten sind meistens genau so arm dran, wie der Rest. Denn ihr Handeln basiert nicht auf Stärke, sondern auf Schwäche und Verlustängsten. Deshalb glauben die schlechten Egoisten auch, sie müssen anderen ständig etwas wegnehmen, um selbst etwas zu haben. Armselig ist das. Gute Egoisten hingegen schauen jederzeit auf ihre eigene Situation und dass sie unabhängig sind. Davon profitieren sie, wenn eine Krise daherkommt. 

Wie profitieren sie?

Besonders, weil sie sich in guten Zeiten um ihre eigene Haut gekümmert haben und deshalb auch in schlechten Zeiten gut aufgestellt sind. Noch mal: Sie haben und hatten es nicht nötig, anderen etwas wegzunehmen. Sie erarbeiten sich durch Klugheit, langfristig orientiertes Handeln und Fleiß einen Vorsprung. Das kann man auf viele Lebensbereiche übertragen: Beruf, Finanzen, Partnerschaft. Wer sich stets darum kümmert, dass er Vorteile auf der Guthabenseite aufbaut, kann davon auch in schlechten Zeiten profitieren.

Welche Beispiele könnten Sie dafür nennen?

Ich konnte als Unternehmer in den letzten Monaten sehr profitieren. Ich habe auch in den Jahren zuvor dafür gesorgt, dass es mir und meinem Unternehmen gut geht. Seit Beginn der Pandemie haben wir viel investiert in das Unternehmen – zum Beispiel in die Infrastruktur, ins Gebäude, in neue Produkte. Wir haben neue Mitarbeiter eingestellt und stellen weiter ein. Wir mussten zu keiner Zeit Kurzarbeit oder andere Hilfsmaßnahmen einleiten. Im Gegenteil. Den Umsatz konnten wir verdoppeln. Und um es ehrlich zu sagen: Wir haben in der Krise hart verhandelt. Nur, weil wir es uns leisten konnten, habe ich trotzdem nicht jeden Preis akzeptiert. Ich wusste, dass manche Unternehmen die Aufträge brauchten. Und das habe ich ausgenutzt. Letztlich haben aber beide Seiten etwas davon. Ich habe einen guten Schnitt gemacht und das beauftragte Unternehmen konnte sein Niveau halten. 

Aber ist das nicht auch unfair, die Situation auszunutzen?

Das hat nichts mit Gefühlen zu tun, sondern, ob jemand klug gehandelt hat oder nicht. Wer sich gut aufgestellt hat, muss keine geringeren Preise akzeptieren. Aber wenn ich merke, dass jemand darauf angewiesen ist, will ich einen besseren Preis. Ich zwinge ihn ja nicht dazu. Eine Verhandlung ist keine Einbahnstraße. Nehmen Sie den klassischen Einzelhandel als weiteres Beispiel. Seit 25 Jahren zeichnet sich nun ab, dass sich der Handel dramatisch verändert. Zuerst durch immer größere Warenhäuser, dann durch den Onlinehandel. Und der Großteil des Handels scheint immer noch an ein Wunder zu glauben, dass es alles noch mal anders wird. Und nun kam die Pandemie noch oben drauf. Mehr Warnschüsse kann man nicht erwarten. Die müssen lernen, an sich selbst zu denken, statt darauf zu warten, dass es jemand für sie richtet. Sonst wird die nächste Krise der Todesstoß sein. 

Glauben Sie, dass Menschen sich überzeugen lassen von einem besseren Egoismus?

Die Menschen müssen erst mal an der Reihenfolge arbeiten. Ich sage ja gar nicht, dass man nicht an andere denken soll. Aber eben erst an zweiter Stelle. Wer immer nur die anderen im Auge hält, vergisst schnell sich selbst. Weil es mehr andere gibt. Wir sind sozusagen immer in der Unterzahl. Es kann nur richtig sein, erst mal sich selbst zu stärken und dann anderen mit dieser Stärke zu helfen. 

Das neue Buch von Julien Backhaus
EGO – Gewinner sind gute Egoisten
Finanzbuchverlag 2020
https://www.amazon.de/EGO-Gewinner-sind-gute-Egoisten/dp/3959723024

"EGO" von Julien Backhaus, Buchcover
"EGO" von Julien Backhaus, Buchcover
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