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Kleine Hamburger Stadtgeschichte

Buchtipp: Kleine Hamburger Stadtgeschichte

Matthias Gretzschel, Kulturredakteur beim "Hamburger Abendblatt" und Autor zahlreicher kulturgeschichtlicher Sachbücher, Bildbände und Reiseführer erzählt vom wechselvollen Schicksal der Hansestadt Hamburg.

Beginnend beim Benediktinermönch Ansgar, der 831/32 zu Missionszwecken an die Elbe kam, sich jedoch 845 mit kostbaren Reliquien aus dem Mariendom vor den Wikingern nach Bremen retten musste. 1016 wird mit der neuen Burg am Alsterufer die Neustadt gegründet. 1216 schließt sich die bischöfliche Altstadt mit der gräflichen   Neustadt zusammen, 1230 wird das erste Rathaus gebaut. Die Bevölkerung wächst rasch, sodass es 1235 nötig wird, eine neue Mühle zu bauen. Adolf IV staut dazu den Alsterfluss mit dem Reesendamm zu einem See an, die Binnenalster entsteht, die noch heute maßgeblich das Gesicht der Hamburger Innenstadt prägt.

Spannend wird geschildert, dass die von Kaiser Barbarossa gewährten Privilegien nie schriftlich festgehalten wurden. Die findigen Ratsherren wussten sich jedoch zu helfen. Um die Hafen- und Handelsstadt vor den wirtschaftlichen Erpressungen der Bremern Kirchenfürsten zu retten, ließen sie einen vorzüglichen Kalligrafen für viel Geld den kaiserlichen Freibrief von Barbarossa, auf 1189 datiert, erstellen, auf den sich die Hamburger noch heute berufen und der jährlich mit dem Hafengeburtstag gefeiert wird.

Im 12. Jahrhundert schließen sich die Kaufleute des Ostseeraumes zu einem Städtebund zusammen, der sich bald zur mächtigen Hanse entwickelt und für die Hamburg eine wichtige Rolle spielt. Trotz der starken Hanse wird den Kaufleuten von Seeräubern das Leben schwer gemacht, sie fügen ihnen empfindliche Verluste zu. Allen voran der Anführer der Vitalienbrüder, Klaus Störtebeker, der sein Kapergut teilweise an die Armen verschenkt, nach einer idealisierten Überlieferung.

Nachdem die Reformation von 1517 in Hamburg schnell an Zustimmung gewann und mit großer Besonnenheit durchgeführt wurde, werden der Ablasshandel abgeschafft, nach und nach alle Klöster geschlossen und dafür die so genannten "Gotteskästen" gegründet, mit deren Mitteln Arme und Kranke unterstützt wurden. Sie erhielten praktisch die Funktion der ersten Sozialämter.

In den folgenden Jahrzehnten treffen die Hamburger immer wieder Entscheidungen, mitunter für sehr viel Geld, die die Stadt wirtschaftlich weiter voranbringen und die Sicherheit der Stadt stärken. Der Handel über die Elbe floriert, bis sich zuerst Glückstadt, später dann das tolerante Altona, beide unter dänische Herrschaft, zur Konkurrenz entwickeln.

1615 wird Hamburg zur freien Reichsstadt erklärt, nachdem sich die Stadt lange dagegen gewehrt hatte. Mit wachsendem Wohlstadt wächst auch das Bedürfnis nach Kultur. 1678 wurde das erst deutsche bürgerliche Opernhaus am Gänsemarkt eröffnet, auch die Geburtsstunde für Hamburg als Musikstadt. Bedeutende Komponisten, Dirigenten und Literaten wie Händel, Telemann, Lessing oder Klopstock kamen nach Hamburg. Wahrhaft "fürstliche Gärten" entstanden, die zur Repräsentation, der Erholung und Erbauung dienten. Seltene, teure und exotische Pflanzen gab es darin zu sehen, die dank des Seehandels nach Hamburg kamen.

1765 wird die Hamburgische Gesellschaft zur Förderung der Künste und nützlichen Gewerbes gegründet, die bis heute unter dem Namen "Patriotische Gesellschaft" Wissenschaft, technische Entwicklung und Kultur unterstützt. Schon 1770 wird ein Zahlenlotto eingeführt.

Das 19. Jahrhundert beginnt jedoch wenig verheißungsvoll. 1806 marschieren französische Soldaten ein und fügen der Stadt erhebliche wirtschaftlichen Schaden zu, bringen jedoch auch den Code Napoleon in die Stadt und damit die längst überfällig Modernisierung der Hamburger Verfassung. Leider wird nach dem Abzug der Franzosen die Zeit wieder zurückgedreht und die alte Verfassung von 1712 wieder aktiviert.

Die bedeutenden positiven Ereignisse der folgenden Jahren sind der Einlauf des ersten Dampfschiffes im Hamburger Hafen, die Eröffnung des Stadttheaters am Dammtorstraße 1827, die Gründung des "Rauhen Hauses" durch Johann Hinrich Wichern 1833, bis am 5. Mai 1842 in der Deichstraße 42 ein Brand ausbricht, der große Teile der Hamburger Innenstadt zerstört. Obwohl 1.150 Feuerwehrleute im Einsatz sind, wird der Ernst der Lage viel zu spät erkannt, Fehlentscheidungen verzögern dringend erforderliche Sprengungen, die, als sie endlich erfolgen, dem Feuer Einhalt gebieten. Am 8. Mai ist die Gefahr vorüber, aber Hamburg hat 51 Tote, 130 Verletzte und 20.000 obdachlose Menschen zu beklagen. Rathaus, Kirchen und viele historische Gebäude sind dem Brand zum Opfer gefallen. Dank einer enormen Hilfswelle aus ganz Deutschland, Europa und sogar den USA, Südamerika, Asien und Afrika kann der Neuanfang mit einem zukunftsweisenden Gesamtkonzept für eine moderne Stadt zügig vorangetrieben werden. Damals entstehen die Alsterarkaden und die Alte Post. Auf ein neues Rathaus müssen die Hamburger jedoch noch einige Jahre warten.

Während der wirtschaftliche Aufschwung voranschreitet, gibt es auf der anderen Seite bittere Armut. Auch die 1848er Revolution ändert daran nichts. Viele sehen ihre Chance nur in der neuen Welt. Damit beginnt eine Ausreisewelle ungeahnten Ausmaßes: Bis 1914 verlassen 3,6 Mio. Menschen ihr Heimat, um in ein neues Leben zu starten.

Ein neuer, leistungsfähiger Hafen entsteht in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert und ist der Grundstein für Hamburgs wirtschaftliche Entwicklung.

1892 kommt es wiederum zu einer Katastrophe für Hamburg, die Cholera bricht aufgrund der erbärmlichen hygienischen Verhältnisse aus. Mehr als 16.000 Menschen erkranken und 8.605 Menschen müssen sterben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzt sich der Aufschwung fort. Hamburg bekommt einen Bahnhof, bald auch eine Straßenbahn und den ersten Elbtunnel. Der Schiffsbau floriert, bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges, der wieder Hunger und Elend über die Stadt bringt. Sein Ende ist auch gleichzeitig das Ende des Kaiserreichs. Mit dem Neubeginn entsteht ein völlig neues Lebensgefühl. Tanzlokale, Spielsalons, Lichtspieltheater und Varietés entstehen in der Stadt. Der Lebenslust wird erst ab 1933 Einhalt geboten, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wird und bald darauf die NSDAP in Hamburg regiert. Damit beginnt wiederum ein leidvolles Kapitel der Hamburger Geschichte, das mit der Operation Gomorrha und dem anschließenden Feuersturm seinen Höhepunkt findet. Nach den Bombenangriffen vom 28. Juli 1943 ist die Stadt zerstört, 34.000 Todesopfer und fast 1 Mio. obdachlose Menschen. Und es dauert noch fast zwei Jahre, bis der Krieg wirklich zu Ende ist.

Der Neuanfang nach dem Krieg ist von zahlreiche Ereignissen geprägt: Publizistischer Neubeginn sind die ersten Ausgaben der "Zeit", der "Welt" und bald darauf des "Hamburger Abendblattes". Erste Hochhäuser entstehen am Grindel, das Wirtschaftswunder und der kulturelle Aufbruch beginnen in den 50-Jahren. Es geht voran, bis 1962 die große Flut die Stadt verwüstet, 315 Tote und 20.000 Obdachlose hinterlässt. Wie alle anderen Katastrophen meistert Hamburg auch diese.

Nach dem Fall der Mauer rückt die Stadt ins Zentrum des neuen Europas, der Hafen boomt, die Wirtschaft wächst. 1997 verkündet der damalige Bürgermeister Henning Voscherau das Jahrhundertprojekt "Hafencity" und die Erweiterung der Hamburger Innenstadt, deren neues Wahrzeichen die Elbphilharmonie werden soll.

Über die Geschichte der Stadt Hamburg sind zahlreiche Bücher geschrieben worden. Matthias Gretzschel ist es jedoch gelungen, in einer konzentrierten Form über 1.000 Jahre historisch fundiert, spannend, unterhaltsam und informativ zugleich zu beschreiben. Für jeden Hamburger und Liebhaber der Hansestadt ein wunderbarer Einstieg, um sich mit der Historie dieser schönen Stadt vertraut zu machen. Eine ausführliche Zeittabelle ergänzt das Buch.

Von Matthias Gretzschel, Verlag Friedrich Pustet, 164 Seiten, Preis 12,90 Euro.

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11.07.2010



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