Museum für Kunst und Gewerbe: Ensemble bürgerlicher Wohnkultur wiedereröffnet - hamburg-magazin.de

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Museum für Kunst und Gewerbe: Ensemble bürgerlicher Wohnkultur wiedereröffnet

Ensemble bürgerlicher Wohnkultur© MGK Hamburg

Nach  sorgfältiger Restaurierung erstrahlen der Louis-Seize-Raum und die Milde-Speckter-Zimmer im Museum für Kunst und Gewerbe zu ihrer Wiedereröffnung in neuer Pracht. Die drei Milde-Speckter-Zimmer sind bedeutsame Zeugnisse bürgerlicher Wohnkultur der freien Hansestädte Hamburg und Lübeck um 1830/35. Hier versammelt sich ein für Norddeutschland einmaliges Ensemble von Wanddekorationen aus dem Zeitalter des Klassizismus, jener Epoche zwischen 1770 und 1830, die europaweit durch das Vorbild der Antike geprägt war.

Namensgeber der  Milde-Speckter-Zimmer sind die Maler Erwin Speckter (1806-1835) und Carl Julius Milde (1803-1875), die die Wanddekorationen der Zimmer schufen.

Mit der Wiedereröffnung feiert das Museum außerdem das hundertjährige Jubiläum zweier Räume des Ensembles. Nach ihrer Rettung vor dem Abriss der Häuser konnten sie 1911 in einem eigens errichteten Anbau originalgetreu rekonstruiert werden. Ein Stück Hamburger Geschichte und der Zeitgeist der Aufklärung ist bis heute spürbar in diesen historischen Räumen, die nach einjährigen Restaurierungsarbeiten nun wieder für die Besucher geöffnet sind. Die Räume werden mit originalen Möbelstücken, die aus der Zusammenarbeit des Hamburger Architekten Alexis de Chateauneuf (1799-1853) und Speckter entstanden, ergänzt und bilden so einen authentischen Eindruck der norddeutschen groß-bürgerlichen Wohnkultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Delphine, auf Pfauen reitende Amoretten, kämpfende Männer, Sphingen und andere mythologische Fabelwesen bestimmen das farbenfrohe Bildprogramm der Milde-Speckter-Zimmer. Man sieht sich gegenüber von Grotesken, gemalten Idyllen in denen Amor die Welt beherrscht, Apoll als Gott der Musen zum Schutz der Künste aufruft, und Allegorien der Tageszeiten, die durch schwebende idealisierte Mädchengestalten veranschaulicht werden. Die Milde-Speckter-Zimmer sind Ausdruck einer durch die Ausgrabungen in Pompeji und Herkulaneum Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden europäischen Antikenfaszination und -rezeption. Als Gegenpol zum verspielten Barock und Rokoko wurde der strenge, schlichte Formenkanon zum Ideal des Zeitgeistes der Aufklärung und des Bürgertums. Antiken Vorbildern wurden die Maler der Milde-Speckter-Zimmer  auch von der norddeutschen Romantik eines Philipp Otto Runges (1777-1810) und vom religiösen Werk des Lübecker Nazareners Johann Friedrich Oberbeck angeregt.

Von den Zimmern stammen zwei Räume aus ehemaligen Hamburger Privathäusern: Das Balkonzimmer von 1834/35 aus der Villa des Juristen Dr. August Abendroth (1796-1867) am Neuen Jungfernstieg/Ecke Große Theaterstraße und das um 1830 vollendete Kabinett aus dem Herrenhaus des Landsitzes des Syndikus Dr. Karl Sieveking (1787–1847) in Hamm. Entworfen wurden sie von dem Hamburger Architekten Alexis de Chateauneuf (1799-1853), der als Erbauer der Alsterarkaden bekannt wurde und hier zusammen mit seinem Malerfreund Erwin Speckter Gesamtkunstwerke höchsten Ranges schuf. Das dritte, 1834 von Carl Julius Milde ausgemalte Zimmer stammt aus dem Haus der Kaufmannsfamilie Christian Adolf Nölting (1794-1856) in der ehemaligen Johannisstraße 20 in Lübeck.

Einen stilistischen Gegenpol zu den verspielten Verzierungen der Milde-Speckter-Zimmer bildet der  Louis-Seize-Raum. Die Vertäfelung dieses Raumes im so genannten Louis-Seize-Stil schmückte ursprünglich die Bel Etage des Hauses des Hamburger Kaufmanns und Ratsherrn Nicolaus Gottlieb Lütkens (gest. 1788). Aufgrund seiner Handelsbeziehungen zu Frankreich aus erster Hand erworben, besaß der Hamburger Händler mit dieser prunkvollen, repräsentativen Raumausstattung vermutlich die einzige Louis-Seize-Vertäfelung in Hamburg. Der Louis-Seize-Stil ist nach dem französischen König Ludwig XVI. (reg. 1774-1792) benannt und setzte bereits in den 1760er-Jahren in Frankreich ein. In seiner Formensprache ist dieser zum Klassizismus führende Stil als Gegenbewegung zum Barock und Rokoko zu verstehen: Die Suche nach zeitlos gültiger Vollkommenheit entfaltet sich in einer Aufhebung von Gegensätzen und einer Ausgewogenheit an Proportion. Im Hamburger Louis-Seize-Zimmer ist darüber hinaus der Zeitgeist der Aufklärung, der Emanzipationsbewegung des europäischen Bürgertums gegen die Adelsherrschaft spürbar, weil hier ein ursprünglich absolutistisches Formengut in den Kontext bürgerlicher Wohnkultur übertragen wird.

Die Restaurierung des Louis-Seize-Raumes wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung der Agnes Grafe Stiftung. Die Stiftung Voss-Andreae ermöglichte mit großzügiger Unterstützung die Restaurierung der drei Milde-Speckter-Zimmer.

 

 

18.10.2011

Ortsinformationen

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  • Museum für Kunst und Gewerbe
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